Schon als Kind war ich fansziniert vom heldenhaften Arminius, der den frech geword’nen Römern den dekadenken Hintern versohnte. Als Jugendlicher war ich fasziniert von der Diskussion, wo denn genau die „Schlacht im Teutoburger Wald“ stattgefunden hatte. Alternativen gab es viele – und einige Hobbyhistoriker hielten es für möglich, dass das Gemetzele ganz in der Nähe meiner Heimat ausgeführt wurde. Das kribbelte.
Stets stellte ich mir vor, dass johlende Barbaren verweichlichte Legionäre durch einen Wald jagten und dann mit der Keule verkloppten. In etwa wie bei Asterix.
Nun hab eich gerade einen Roman zum Thema durchgelesen, der mich schwer desillusionierte: Iris Kammerer, „Varus“.
Auf einmal war ich mitten drin. Bei den drei Legionen, die tagelang durch triste Sumpfgebiete an den gefledderten Leichen ihrer gepfählten Kameraden vorbeimarschierten; bei dem Tross der Frauen und Kinder, der schutzlos hinter dem Heer hermarschierte und grausamsten Misshandlungen ausgesetzt waren; an den Offizieren und Varus selbst, die verbittert über den Verrat und hilf- und perspektivlos durch ein ihnen fremdes Land irrten; an Arminius, der alles andere als ein hald war, sondern offensichtlich ein skrupelloser Betrüger, der erst jahrelang als römischer Offizier gedient hatte und sich dann seine Insiderkenntnisse zunutze machte, um seine ehamaligen Freunde und Kameraden mithilfe unfassbarer Grausamkeiten und Kriegsverbrechen in Panik und Verzweiflung zu treiben.
Gefangene wurden keine gemacht. Soldaten, Frauen und Kinder wurden sofort massakriert, Offiziere als Menschenopfer dargebracht – auf eine sehr langsame und quälende Weise.
Die Moral? Meine Historikversessenheit führt mich letztendlich immer wieder zu der Erkenntnis, dass der Mensch zu allen Zeiten einfach nur charakterlos ist, dass er stets das tut, was er sich leisten kann, und dass Macht und da Streben danach letztendlich jeden Charakter verdirbt.
Und: Lesen geht mir nach wie vor sehr viel intensiver unter die Haut als jede andere mediale Darreichungsform.
5. November 2009
27. Oktober 2009

(c) ASBO Jesus
14. Oktober 2009

Irgendwann war dann auch mal gut mit All Inclusive. Also Mietwagen gebucht, Stoßgebet in den Himmel geschickt und ab in den tütkischen Straßenverkehr.
So schlimm war es ga rnicht. Nur der Straßenbelag ist in Anatolien irgendwie etwas lauter – so hoch kann man das Radio gar nicht drehen. Ab und zu querten Ziegen, Türkenomis oder Männer mit Riesenschubkarren den Weg – natürlich ohne nach rechts oder links zu blicken. Die Straßen sind durchaus gewöhnungsbedürftig, vor allem die Nebenstrecken. Auch die allersteilsten Abgründe werden nicht von Leitplanken begrenzt, vorfahrtsregelungen sind nicht überall vorhanden, und Schlaglöcher der größeren Art werden gerne einmal mit Holzstangen markiert.
Wir kamen nach Kekowa, einem malerischen Küstendorf – leider total von Tourijägern verseucht. Die bettelnden Verkäufer, selbsternannten Guides und ihre Ausflugsbote anpreisenden Kapitäne hinter uns lassend fanden wir schließlich ein nettes Bötchen, das von einem sympathischen jungen Pärchen betrieben wurde. Zusammen mit einer Handvoll Engländer machten wir uns auf eine zweistündige Tour vorbei an malerischen inseln, versunkenen Städten und heruntergekommenen Fischerdörfern. Schließlich gab es nuch einen Badeaufenthalt in einer wunderbaren Bucht.
Manchmal lohnt es sich, die üblichen Pfade zu verlassen. Dieser eine Tag war bei weitem eindrücklicher und angenehmer als die gesamte All-Inclusive-Woche.
8. Oktober 2009
All Inclusive – nie wieder!!! Auch nicht mit fünf Sternen (Landeskategorie).
Immerhin bekommt man den Hotelnamen nicht auf den Unterarm eintätowiert. Stattdessen tut’s ein hellrosa Armband, das sich jedoch nach ein paar Dehnübungen abstreifen lässt – wäre ja auch sonst bei Außenterminen zu peinlich.
Den Schuss gibt’s ungefragt zu wirklich jedem Getränk dazu – wenn man nicht umgehend abwehrend die Arme hebt und empört „Ich bin kein Russe!“ ruft. Schlussendlich erklärte ich einfach, in Deutschland sei Alkohol verboten – was der Strandbarthekenchef mit einem trockenen „Im Iran auch“ beantwortete. Der Kerl war sowieso lustig. Wirklich jedesmal, wenn ich mir eine Cola abholte, meinte er grinsend: „Du aus Deutschland?“ Erst als ich kategorisch mit „Du aus Türkei?“ antwortete, wechselte er widerwillig den Einstiegsgag.
Anders als der Alleinunterhalter, den gab’s nämlich auch nur mit Schuss. Tagsüber kontaminierte er den Strand mit Kaltakquiseschreiereien wie „Boccia! Extremsport!“ Das Tontaubenschießen hatte einen besonders einprägsamen Werbetext: „Bazooka! Kalaschnikow! Terrorista!“ Mehr oder weniger mit vorgehaltener Waffe gelang es ihm regelmäßig, ein Dutzend alkoholvergifteter Russen und den einen oder anderen Thüringer, der wohl seit ziemlich genau 20 Jahren nicht mehr auf bewegliche Ziele geschossen hatte, für seine terrorcampähnlichen Übungen zu rekrutieren.
Ansonsten gab es nachts Disco (weder Ohropax noch Fernseher auf Maximallautstärke brachten da Linderung) sowie tagsüber diverse Speisen, die zwar einigermaßen gut aussahen, aber tendenziell alle miteinander schmeckten wie Oma unterm Arm.
Fazit: All Inclusive , das sind lange Phasen unerträglicher Ödnis, durchzogen von kurzen Phasen extremen Terrors.
Nun bin ich wohl endgültig zum radikalen Individualtourismus bekehrt.
5. Oktober 2009
Was Star Wars kann, kann ich schon lange: Dieser Reisebereicht arbeitet sich von hinten nach vorne vor.
Am Ende war der Flug. Obwohl wir beinahe da geblieben wären.
Das kam so: Ein ortsansässiger Busfahrer holte uns am Allinclusivehotel (dazu später mehr) ab und winkte uns wortlos ins Businnere. Nach einer mehr als halswirbelbrecherischen Fahrt durch die Innereien von Antalya lieferte er uns – ebenfalls kommentarlos – am ortseigenen Flughafen ab. Wir tobten in den Terminal und stellten uns brav an einer elendslangen Schlange an. Ok, Fluggesellschaft und Abflugsuhrzeit differierten etwas von dem,w as auf unseren Vouchern stand, aber es war nun einmal der einzige Flug nach Ffm, und diese Billigflieger machen bekanntlich ja auch gerne mal die finanzielle Grätsche. 15 leicht verunsicherte Berge-und-Meer-Endkunden vertrieben sich die Stunde Wartezeit mit dummen Sprüchen und Unkereien. Alternativen gab es ja nicht, eine Infoschalter oder Vergleichbares schon gar nicht.
Als dann der Erste unserer Gruppe dran war, war das Palaver groß: Unser Flug ging irgendwo anders ab, definitiv jedoch nicht hier. Wir schnappten etwas von einem „anderen Terminal“ auf. Nujn wurde es hektisch. Ab an den Taxistand, wo sich die Gruppe um den stark limitierten Bestand an mietbaren Fahrzeugen balgte wie weiland die Passagiere der Titanic um das letzte Rettungsboot. An Terminal II zeigten die Anzeigetafeln den Flug auf Russisch an (sic!), außerdem wurde am Check-In-Desk „Antalya-Frankfurt“ soeben durch „Antalya-München“ ersetzt. Mit Händen, Füßen und Grimassen gelang uns noch der Tausch Bordkarte gegen Koffer. Nur mit Mühe konnten wir das Servicepersonal außerdem davon überzeugen, auch der von uns erfolgreich abgehängten Restgruppe eine Chance zur Heimkehr nach Deutschland zu ermöglichen. Durch den Terminal irrend und uns an der Sicherheitskontrolle an desorientierten Russen vorbeidrängelnd erreichten wir schließlich den Counter, über dem bedrohlich rot blinkend „Last Call“ zu lesen war. Auch diesmal wieder große Diskussion.
Abgesehen von einem paar schaffte es alle pünktlich in den Bus. Die beiden Fehlenden wurden nachgefahren – sie hatten sich noch eben im Duty-Free-Shop mit Raki eingedeckt.
Um 19:10 ging planmäßig der Flug. Um 19:06 hatten wir es geschafft.
Knapper geht’s wohl nicht.
13. September 2009
Gestern Nacht ging’s mir gar nicht gut. Fiese Kopfschmerzen, fiese Magenschmerzen. Pillen halfen nicht, also Plan B: Finger an’s Zäpfchen.
Es kam etwas. Etwas, das in Anbetungsliedern recht häufig vorkommt, in meiner Kloschüssel bisher eher selten: Blut. Nicht zu knapp.
Das war eine gewisse Überraschung. Wikipedia lieferte ein paar spannende Alternativen von Leberzirrhose bis Magenkrebs. Zwei Stunden hielt ich mich mit meinen sorgenvollen Gedanken noch im Bett auf, dann ging’s in die Uniklinik.
Dort waren es sechs Stunden Warten, Blutabnehmen, Infusion, Röntgen, bis der unschlagbare Höhepunkt kam: „Wir würden dann gerne noch eine Magenspiegelung machen.“ Davon hat man schon viel gehört. Nun galt’s also. In Aussicht gestellt wurden eine Scheißegalpille, einmal Bewusstsein wegschießen, zwei Stunden liegen und den ganzen Tag lang tot in der Ecke hängen.
Ich bin kein mutiger Mensch, aber manchmal packt’s mich. „Ich würde gerne zusehen“, verkündete ich lächelnd. Stirnrunzeln. „Klar, können wir machen. Wenn’s nicht gut geht, können wir ihnen immer was geben. Zugang liegt ja schon.“
Junger Hund, das war tatsächlich Sport. Zusehen war sehr schnell uninteressant. Beißkeil in den Mund – und ein paar Meter Glasfiber. Das „Jetzt ist das Schlimmste überstanden“, das der Arzt mir nach einem halben Meter zumurmelte, war glatt gelogen. Wildes Gewürge, Gejapse, Gesabbere, während Onkel Doktor in meinen Innerreien herumfuhrwerkte wie ein Gaswasserscheißeinstallateur in einer verstopften Abwasserleitung. Irgendwie hatte ich dann auch gar kein Interesse mehr am Aussehen meines Zwölffingerdarms.
Danach meinte der wohlmeinende Doktor gutgelaunt: „Sie haben sich aber gut gehalten. Das war eine gute Vorbereitung auf die Flitterwochen.“ Er dachte wohl eher an meine stoische Geduld, ich selbst war jedoch immer noch auf den fetten Schlauch fixiert. So gurgelte ich grinsend mit lidocainschwerer Zunge, während mir blutiger Sabber aus dem Mundwinkel troff: „Zu einer Frau sollten sie so etwas aber besser nicht sagen.“
Seine Rache war gnadenlos: „Kein Kaffee, keine Schokolade, kein Nikotin, kein Alkohol, nichts Scharfes, nichts Fettiges, keine Mahlzeiten nach 18 Uhr.“
Touché.
1. September 2009
Scheiß auf die Angst, die hat ja selber Angst; und meistens gar nicht Recht mit ihren nur aus der Ferne einschüchternden Hypothesen und Szenarien.
Aus der Nähe muss ich über sie lachen.




