Büschen durch den Wind

Gerade von vier Tagen Erlebnispädagogik zurück. Und am Wochenende auch wieder unterwegs. Nächste Woche sowieso.
Die Schulung war nett, aber diesmal irgendwie nicht so durchschlagend. Dafür gab’s ein buntes Zertifikat mit roter Kordel. Jetzt kann ich offiziell „erfahrungsorientierte Pädagogik und Beratung“.
Gleich mal in meine Emailfußnote einfügen.

Stotternheim Field Thunderstorm Church

Mein Gott, was bin ich froh, dass die Amis damals noch nicht die Weltherrschaft übernommen hatten…
Berechtigter Einwurf von Nils: Die Reformation sei eine waschechte Top-Down-Angelegenheit gewesen.
Hm, oder doch nicht? Luther war ja nicht Papst, sondern ein von Selbstzweifeln zerfressenes kleines Mönchlein. Na ja, lassen wir’s mal trotzdem gelten.
Und wenn ich noch weiter denke: Bauernkrieg, Wiedertäufer, all das waren gründlich in den (meist blutigen) Sand gesetzte Bottom-Up’s.
Ja nun, irgendwas ist ja immer.
Und natürlich gibt’s all diese Konzepte in der Realität nicht reinrassig, sondern in Mischform. Die Frage ist nur, welche Philosophie dahinter steckt. Wird die Fackel der Wahrheit von oben nach unten durchgereicht (Katholiken, Amis), oder funkt es allerorten und lodert nach oben (Kongregationalisten, zu denen sich früher einmal auch die Baptisten zählten)?
Und dann gibt’s noch die Zwischenformen oligarchischer Prägung. Da fällt mir z.B. Venedig ein. Oder die typische Baptistengemeinde von heute. Da wählt man sich ein paar Herren besten Alters, die sich mit sowas auskennen, damit sie im Hinterzimmer die Gemeinde retten. Wenn sie dann die Lösung präsentieren (falls sie überhaupt dazu kommen, denn zuerst einmal muss ja über die Renovierung der Heizungsanlage beraten werden), verbringt man viel Zeit damit, an ihnen herumzumeckern. Aber am Ende macht man doch ihr Ding. Das ist Hierarchie.
Nun ja, Venedig geht unter. Haben die ollen Piraten auch nicht besser verdient.
Fragt sich nur, wie unverrottbar unsere Holzpfähle sind.

Alle wollen oben sein

Trichter? Graswurzel? Pseudograswurzel?
Eine meiner Hirnregionen ist momentan mit dem Thema „Motivation“ beschäftigt. Nicht etwa, weil ich immer so spät ins Büro komme, denn das hat andere Gründe.
Nein, mich beschäftigen Up To You, diverse Mitbewerberkonzepte und der ganze Rest.
Die klassische Reiseroute einer sogenannten Vision: Ideengeber infizieren Leiter, Leiter infizieren Mitarbeiter, Mitarbeiter infizieren Endverbraucher. Aber bei denen kommt meistens nichts mehr an. Hat sich längst ausmotiviert. Wir kennen es von diversen xxxx-Kongressen (bitte jeweils Rettung des Baptismus verheißende Buchstabenkombination einsetzen): Leiter fahren hin, sind begeistert, kommen zurück, berichten feurig, Mitarbeiter nicken höflich, Ende. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann melden sie sich noch heute zum nächsten Kongress an.
Bisher nannte ich das provisorisch „Trichterprinzip“. Auf BWL-Deutsch nennt es sich aber Top-down.
Es ist in jedem Motivationsbuch nachzulesen: Man kann Menschen nicht „von außen“ bzw. „von oben“ motivieren. Motivation muss von innen kommen. Es geht also nicht am Menschen vorbei.
Die Alternative: Bottom-up. Bei uns nennt sich das Up To You.
Nur – wenn ich mir unsere GJW-Arbeit so ansehe, ist doch auch ganz schön viel Astroturfing dabei.

Herbstoffensive

Es soll ja Menschen geben, die sich vornehmlich auf das Nichtfunktionierende konzentrieren und dafür Erfolge sofort vergessen.
Verf. zählt sich zu selbigen.
Also reichen wir mal ’nen gepflegten Triumph nach. Schließlich ist es Herbst und deshalb jeder Lichtblick willkommen.
Dieses Jahr war u.a. das Jahr des BAFöG-Malörs (wir berichteten). Nicht immer habe ich euch damit genervt, aber es war zeitweise wirklich blutdruckrelevant. Dreimal bekam ich eine Mahnung wegen angeblich ausstehender Ratenzahlungen in nicht unerheblicher Höhe. Zahllose Briefe, Faxe und Mails hindurch bemühte ich mich, den lieben Damen und Herren Bürokraten klar zu machen, dass sie das Geld längst haben und der Fehler drin liegt, dass sie mir offensichtlich eine falsche neue Bankverbindung angegeben hatten.
Besonders spannend: Die Antworten kamen jeweils 2-3 Monate zeitversetzt. Nicht so die Mahnungen, die mit der Zeit immer roter, kurzfristiger und lautmalerischer wurden.
So langsam wuchs die Hilflosigkeit, und auch die Frage, wo denn mein vieles schönes Geld sich nun eigentlich befand, machte es nicht besser.
Vor zwei Wochen dann kam ein Brief vom Amt, genauer gesagt drei Briefe in einem.
Kurz und knapp wurde mit auf drei Briefbögen zu den drei Vorgängen (jede Rate ein Einzelmalör mit individueller Bearbeitungsnummer, ist doch klar):
1. Untersuchung eingestellt.
2. Fehler lag auf Seiten des Amts
3. Tschuldigung

Eine wirklich nette Sache, die mich immerhin dazu bewegte, unter den verständnislosen Augen dreier erschrocken dreinblickender Katzen einen nicht unspektakulären Freudentanz um den Esstisch zu veranstalten.
Tja, aber danach war Tom eben doch wieder Tom: Abheften, abhaken, vergessen.
Nächstes Problem.

Bibeltreu?

Es ist immer wieder eine Freude, wenn der DHL-Mann kommt und nach bravem Ableisten der Unterschrift das neueste Weihnachtspaket des Onlinebuchhändlers meines Vertrauens abliefert.
Diesmal ganz besonders. Regelrechtes Herzklopfen erfasste mich, als in feuerrotem Einband der silberne Schriftzug „Zürcher Bibel“ aus der Verpackung lugte.
Die Ausgabe von 1931 schon war für mich ein wahrer Schatz, für den persönlichen Hausgebrauch die unumschränkte Nr. 1. Seit einiger Zeit gibt es nun eine komplett überarbeitete Neuausgabe. Die gefällt mir, nicht nur wegen der rattenscharfen Aufmachung.

Und dann gleich noch bei der Gelegenheit – wie geht’s uns eigentlich, dieser Bibel und mir? Ja, sie ist mein Lieblingsbuch. Und ja, sie macht mich immer noch ständig neu nachdenklich, glücklich, traurig, stabil, zerknirscht. Weil sich zwischen diesen Buchdeckeln das pralle Leben findet.
Bibeltreu bin ich deswegen nicht (schreckliches Wort). Denn meine Verehrung gilt nicht den Buchstaben, sondern dem roten Faden, der sich in ihnen zeigt.

Kochrezept für Traumgemeinde 107,6

„Run, running all the time
Running to the future
With you right by my side
Me, I’m the one you chose
Out of all the people
You wanted me the most
And I’m so sorry that I’ve fallen
Help me up, let’s keep on running
Don’t let me fall out of love

Running, running as fast as we can
Do you think we’ll make it?
Do you think we’ll make it?
We’re running, keep holding my hand
So we don’t get separated

Be, be the one I need
Be the one I trust most
Don’t stop inspiring me
Sometimes it’s hard to keep on running
We work so much to keep it going
Don’t make me want to give up

Running, running as fast as we can
I really hope we make it
Do you think we’ll make it?
We’re running, keep holding my hand
So we don’t get separated
Running as fast as we can
I really hope we make it
Do you think we’ll make it?
We’re running, keep holding my hand
So we don’t get separated.“

No Doubt, Running

Submergentes Gedankengut 107,7

Schon länger beschäftigt mich die Frage, was der Unterschied zwischen einem ’normalen‘ und einem ‚frommen‘ Menschen ist. Dazu muss ich vielleicht sagen, dass beide Bezeichnungen mir Entsetzensschauer über den Rücken jagen.
Nun habe ich mal etwas gestöbert und festgestellt, dass in manchen Bibelübersetzungen ‚fromm‘ mit ‚ganz‘ übersetzt wird. Wenn ich zuhause mal Zeit habe, muss da dringend die gute alte Fachliteratur bemüht werden.
Aber die Idee gefällt mir ausnehmend gut: Fromm sein bedeutet gleichzeitig, authentisch zu sein. Den ganzen Menschen zulassen können, mit Abgründen, Kraken, Höhepunkten, Kichern. All inclusive. Will meinen: In der Beziehung zu Gott kann ich mich erst richtig selbst entdecken. Doppelt gesichert (wie beim BSJ) exploriert es sich besser. Es kann sogar ein Genuss werden.
Aber – passe ich dann noch in meine Gemeinde?

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