Gut geschwitzt ist halb angepackt

Heute wieder Norbert.
Wir verabreden, dass ich erstmal noch das eine oder andere Fallbeispiel präsentiere, bis er ein Gesamtbild gewonnen hat und wir an meiner Arbeitsweise rumschrauben können.
Klar habe ich ein Thema mitgebracht. Eine strategische Situation, die mittelfristig richtig fieses Malör bedeuten wird. Wieder jammere ich Norbert die Ohren voll, wieder verengen sich seine Augen, stützt die Hand das Kinn, schnappt er zwischendrin nach Luft, wenn ich zu schnell rede.
„Das ist eine komplexe Situation“, meint er, öffnet den Schrank, holt ein Säckchen heraus und öffnet es. Auf den Tisch poltern Playmobilmännchen aller Farben und Größen.
„Stell doch mal auf.“
Ich sehe ihn an wie ein frisch geklontes Schaf.
„Primär gehts hier um x Personen. Nehmen wir mal die hier,“ baut er mir geduldig eine Brücke und schiebt x Playmobiljungs rüber.
Ich stelle brav auf, gebe den Kerlen Namen und beschreibe ihre Vorlagen aus dem echten Leben näher.
Norbert nickt, spendiert noch ein paar Figuren, sagt, für wen sie stehen, und beobachtet konzentriert, wie ich sie auf die Milchglastischscheibe stelle. Dann noch eine Gruppe. Zum Schluss bin ich selbst dran.
„Ok. Was ist dein Problem?“
Ja, was denn? Ich denke gründlich nach und sage es ihm.
„Und was willst du?“
Das weiß ich ganz genau und verkünde es mit fester Stimme.
„Dann fang doch mal an.“
Der weiße Spielzeugtom wandert zögerlich auf eine rote Figur zu und stupst sie an. „Mit dem hier muss ich auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Der Rest ist dann ganz leicht.“
„Gut. Dann mal los.“ Er steht auf und stapft bedächtig durchs Zimmer. „Was willst du von mir?“
Er schlüpft so vollständig in die Rolle der Person, die ich ihm beschrieben habe, dass ich ihn versehentlich mit dessen Namen anrede. Er lässt mich kalt abblitzen. Ich reagiere wie immer, was ihm ein höhnisches Lachen entlockt: „Jetzt spielst du also den beleidigten kleinen Jugendarbeiter. So kriegst du mich nicht.“
„ICH BIN NICHT BELEIDIGT!“
„Denk da noch mal drüber nach.“
Mein T-Shirt ist durchgeschwitzt.
Wir machen einen zweiten Durchlauf. Diesmal ist zumindest mein Rückzug geordnet und einigermaßen würdevoll.
Beim dritten Versuch lächelt Norbert plötzlich. „So kannst du es mal versuchen. Wir sehen uns in zwei Wochen.“
Müfflend wie ein Iltis, aber breit grinsend entschwinde ich in den Marburger Schneeregen.

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. NIls
    Jan 30, 2008 @ 22:42:00

    Das klingt voll spannend. Habe gerade meine Klausur morgen geschmissen, das befreit. Man muss auch mal die Radikalen Intelligenz walten lassen. Noch 2 Becks bitte!

    Antwort

  2. Nols
    Jan 30, 2008 @ 22:43:00

    Oh nein, mein digitaler Fingerabdruck! Alle Personaler der Welt werden diesen Eintrag, der für ewig im Internet auf geheimen Datenträgern gespeichert wird, lesen können.

    Antwort

  3. Schweinsberger
    Jan 30, 2008 @ 23:06:00

    Tja, mein lieber Nils, nun kannste nur noch im GJW Hessen was werden.
    So wie ich.
    Bevor ich mich mal wieder irgendwo bewerbe, werde ich ne Menge Fingerabdrücke vertuschen müssen…

    Antwort

  4. Fabs
    Jan 31, 2008 @ 11:29:00

    puh. harte kost dieser post 🙂

    aber gut!

    freu mich auf in zwei wochen.

    Antwort

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