Klagepsalm eines liberalen Narren

Herr, warum hast du mich mit einem Maß an gesundem Menschenverstand ausgestattet, das es mir unmöglich macht, in der beruhigenden Masse der Evangelikalen, Charismatiker, Fundamentalisten oder meinetwegen auch Emergenten unterzutauchen? Hätten es nicht ein paar Synapsen weniger sein können? Aber es war nun einmal dein Wille, und die Hirnchirurgie ist noch nicht so weit.
Herr, Freiheit versus Sicherheit, sagen sie. Deine Freiheit hat ihren Preis, Jesus. Wusstest du das? Aber ja, was für eine Frage. Pharisäer gab es schon damals, so wird uns berichtet. Außerdem Sadduzäer, Zeloten, Sikarier, den ganzen Schmodder. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Und leider auch nichts von Ratiopharm, das da hilft.
Sicher bin ich nirgendwo. Nicht vor ihren Vorurteilen und Schubladen. Auch nicht vor meinen eigenen. Und schon gar nicht vor dem, was sich in mir selbst abspielt. All diese Abgründe, an denen andere blind vorbeimarschieren, Rüssel am Schwanz. Meinen Verstand werde ich noch verlieren. Mein Herz hüpft unsicher. Sei meiner Seele gnädig. Wenigstens der.
Mache mich einfältig, innig, abgeschieden, dass ich nicht mehr denk‘ hinieden.
Gott, ich will zurück in mein Schneckenhaus eindimensionaler Wertvorstellungen. Bittebittebitte. Ich will auch immer schön stromlinienförmig sein, versprochen. Dort war es sicher, warm, kuschelig. Du aber hast mir Gewalt angetan. Du hast mich herausgezerrt, mir die Augen geöffnet. Nun kann ich die Bibel nicht mehr so lesen, wie es bequem war, alles schwarzweiß und eindeutig, ohne Fußnoten oder wissenschaftlichen Apparat. Jetzt habe ich die Freiheit an der Backe und den Salat und muss zusehen, dass ich nicht irr werde vor lauter Leben. Du hast mich verführt, und ich habe mich verführen lassen. „Ketzer! Liberaler!“, rufen sie und trachten danach, meine Seele in der Hölle schmoren zu sehen.
Verflucht sei der Tag, als ich meine erste Dogmatik aufschlug und von der Freiheit des Evangeliums las. Verflucht sei der Mann, der mir die erste AT-Theologie meines Lebens verkaufte.
Gott, lass mich nicht elendig verrecken. Jedenfalls nicht so bald.
Aber wir wissen ja, wie’s läuft. Am Ende geht doch alles wieder gut aus, und mein Jammern war völlig unnötig. Alles wird gut. Das scheint dein Markenzeichen zu sein. Dann mach eben weiter, Gott. Du hast mich in der Hand.

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3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Christopher
    Apr 22, 2008 @ 13:59:45

    Schöne Zusammenfassung! Da sind ja wirklich alle Themen der letzten Wochen pointiert vertreten. Einzige Sorge (sinngemäßes Zitat): Auf manche Bitten gibt Gott eine grausame Antwort – ihre Erfüllung.

    Hoffen wir, dass noch eins zwei Menschen nach dir mal eine Dogmatik aufschlagen und du weiterhin die Freiheit ertragen kannst! 😉

    Antwort

  2. Bernd
    Mai 07, 2013 @ 19:29:34

    Bernd sagt es ist alles Brot versteht ihr das nicht ?

    Antwort

  3. Bernd
    Mai 07, 2013 @ 19:30:22

    Bernd sagt ist alles nur Brot nicht mehr nicht weniger…….

    Antwort

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