Es müssen nicht immer Baalspriester sein

Als ich noch so richtig klein war, hatte ich auch schon meinen eigenen Kopf.
Sonntagschule fand ich schon immer doof, das war mir zu wenig individualistisch und zu herdentriebig.
Viel lieber saß ich bei den Großen im Gottesdienst. Da hatte ich meine Ruhe vor nervigen Bewegungsliedern, Mitmachmantras und müffelnden Sonntagschultanten, die mich in einem Ton, als ob ich belämmert wäre, mit schwachsinnigem Zeugs volllaberten, das ich genausogut auch selbst zuhause nachlesen konnte.
Und so ließ ich unbehelligt im Gottesdienst meine Gedanken schweifen. Wenn ich mit der intensiven Beobachtung komischer Menschen durch war, wurde es schon manchmal langweilig. Dafür gab es dann die Klinkerwand hinter der Kanzel, die ich kurzentschlossen zum Labyrinth erklärte, um mit den Augen einen möglichst komplizierten Weg von oben nach unten zu finden.
Wir hatten damals ja gar nichts.
Später erfand ich dann ein anderes Spiel, genauer gesagt packte es mich.
Im Rahmen meiner Begeisterung für alles Kriegerische, vor allem WW II, traf ich auf das MG 42, das sage und schreibe 25 Schuss pro Sekunde abfeuerte. Was man damit alles machen konnte!
Und so stellte ich mir dann vor, wie ich so ein Ding ergriff, es in aller Seelenruhe vor dem Taufbecken installierte und zur Anwendung brachte. Das stellte ich mir cool vor.
Natürlich brachte diese Phantasie, der ich mich in der Folgezeit recht häufig hingab, ein paar Probleme mit sich. Erstens gab es in der Versammlungen niemanden, dem ich ernsthaft schaden wollte. Es sollte nur endlich mal etwas passieren. Emotionen und so. Die entstehende Panik stellte ich mir recht unterhaltsdam vor.
Blut floss interessanterweise nicht, die Leute fielen einfach still um. Eben so, wie es sich gehörte und ich es kannte, wie beim Cowboy-und-Indianer-Spiel.
Es gab aber auch eine recht ansehnliche Liste der zu Verschonenden, und mit der Zeit wurden die damit einhergehenden Selektionsphantasien (und das damit verbundene Machtgefühl) zur genüsslich zelebrierten Haupthandlung.
Die Familie war tabu, gar keine Frage. Nur bei etwas entfernteren Verwandten, die ich nur einmal im Jahr bei Omas und Opas Geburtstag sah, wurde es manchmal schwierig.
Außerdem mit dem Schreck davon kam ein Großteil der Jungschargruppe. Plus ein paar ältere Mädels, die durch besondere Eigenschaften aus der Masse hervorstachen und die ich deswegen für erhaltenswert erachtete.

Littleton und Erfurt waren noch kein Thema, und es kam mir niemals auch nur ansatzweise die Idee, etwas Falsches zu phantasieren.
Denn nach dem Gottesdienst schüttelte ich allen Wiederauferstandenen brav die Hand, rehabilitierte sie damit quasi, das Spiel war aus und alles in bester Ordnung.
Irgendwann machte mir die Sache dann aber einfach keinen Spaß mehr, und selbst wenn ich Jahre später in tatsächlich aggressionsbelasteten Gemeindesituationen Lust gehabt hätte, die gute alte Phantasie zu reaktivieren, verbot dies nun ein als Spielverderber fungierendes schlechtes Gewissen.

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