„Den Menschen kümmert nicht, was wirklich achtenswert ist, sondern das, was geachtet wird“

Diese Erkenntnis haut Henry David Thoreau in seinem Buch „Walden. Ein Leben mit der Natur“ mal eben so ganz beiläufig raus.
Thoreau finde ich spannend, seit ich vor der Frage stand, ob ich totalverweigern (und damit meinem Gewissen folgen und in den Knast gehen) sollte oder Zivildienst absolvieren. Daneben spielte ich zeitweise mit dem Gedanken, mich für 12 Jahre zu verpflichten, um Militärgeschichte zu studieren. So sind sie, die Adoleszenten. Hauptsache spektakulär.
Aber ich schweife ab.
Thoreau wird oft genannt, aber selten gelesen. Er war radikaler Öko und Pazifist und seiner Zeit weit voraus. Sein Ansinnen, möglichst unaufwändig zu leben (heutzutage würde man sagen: mit einem möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck) trieb ihn zwei Jahre lang in eine selbstgebaute Waldhütte. Gandhi und MLK zählten ihn zu ihren Vorbildern.
Sein Buch besitze ich schon so lange, dass es bereits vergilbt ist. Nun ist es Zeit, es aufzuschlagen.

CatCam Marek I

Endlich angekommen: Die CatCam.
Marek war der erste Proband.
Vorbemerkung: Bilder, bei denen die Katzen ahnungslosen Omas unter die Röcke schielen und ähnlich kompromittierendes Material werden natürlich nicht veröffentlicht. Aber bisher ist alles brav.
Guckstu:

Predigtnot

Ich predige wirklich gerne. Aber ich hasse es auch wie die Pest. Wenn Ambivalenz, dann hier.
Ist das völlige Banalität, die ich da gerade wutentbrannt in die Tastatur einhacke, totale Psychogrütze – oder der große, erlösende, revolutionäre Entwurf, auf den die Menschheit nur gewartet hat?
Ein schmaler Grat, und irgendwie eine lustvoll-schmerzhafte Sache. Das mache ich jetzt schon so lange, aber das Phänomen habe ich nicht auch nur ansatzweise begriffen.
Wie habe ich es damals in München nur seelisch verkraftet, wirklich jede Woche so einen Prozess zu durchleiden, eine hübsch verpackte 25-Minuten-Portion, frisch abgesondert, unter die Leute zu bringen, ohne dabei komplett den Verstand zu verlieren?
Zeit und Arbeit sind nicht das Problem. Aber diese Relevanzzweifel. Die Ungewissheit, die damit einher geht, etwas frisch Erdachtes und Erfühltes dem brüllenden Tageslicht der Öffentlichkeit auszusetzen, obwohl die Nabelschnur noch gar nicht richtig durchtrennt ist.
Das schlaucht schon.
Aber geil.

Der Russe steht am Rhein

So beliebte die Generation meines Großvaters sich auszudrücken. Einer für alle.
Überhaupt brauchte ich Jahre, um zu begreifen, dass die da im Osten menschliche Wesen warten. Fellmütze mit rotem Stern, MG in der Hand, hinter einen Panzer geduckt im Vormarsch auf den freien Westen, anders konnte ich sie mir gar nicht vorstellen.
In der Oberstufe nahmen wir dann Stings Lied „I hope the Russians love their children too“ durch. Und, so blöd es klingt – bei mir klingelte es. Stimmt, müssten sie ja eigentlich. Dann können sie ja gar nicht so übel sein. Hey, am Ende sind das noch richtige Menschen.
Was habe ich mir nicht immer einen Spaß draus gemacht, bei meinen DDR-Besuchen das Zwangsumtauschgeld in Bücher wie „Die zunehmende Verelendung der Arbeiterklasse in der BRD“, DDR-Verfassungen und Schallplatten mit dem „Großen Zapfenstreich der NVA“ anzulegen. Und mich über die Propaganda amüsiert.
Am Ende war ich genauso indoktriniert. Man ist eben immer erst hinterher schlauer.

Das ultimative ethische System

Daes ja nun in vielen Gemeinden schon Gottesdienste für jeden Geschmack gibt, wird es Zeit, im Bereich Seelsorge und Gemeindeethik ebenso zu verfahren. Wie wir alle wissen, basieren ethische Vorstellungen auf dem jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund und haben wenig mit Religion zu tun.
Voila.

Stufe 3 „Libertine“
Solange du nichts mit Tieren, kleinen Kindern oder Blutsverwandten anfängst, hast du unseren Segen.

Stufe 2 „Désenchantée“
Du entwirfst dein eigenes ethisches System (mindestens fünf A-4-Seiten), das bei uns archiviert wird. Alle drei Monate führen wir ein Auswertungsgespräch, sprechen Übertretungen an und überarbeiten das System wo nötig.

Stufe 1 „Mon Coeur Résiste Encore“
Augen geradeaus! Wir rufen dich jeden Tag an und fragen sämtliche biblischen Lasterkataloge ab. Du hast Zugriff auf eine persönliche 24-Stunden-Hotline, wo du Fragen stellen kannst wie „Darf ich mir heute mal wieder einen runterholen?“ und „Soll ich mir Rührei oder Spiegelei zum Frühstück machen?“

Ökotopia

Seit Jahren, eigentlich schon seit Jahrzehnten schwanke ich zwischen zwei Systemen: Maximales Wohlergehen und Gemütlichkeit auf der einen Seite, richtig handeln auf der anderen. Klar lebe ich aus der Vergebung. Aber muss ich mich deshalb verhalten wie Karl Arsch?
Thoureau, Gandhi und MLK haben gute Vorarbeit geleistet, aber nicht den Ausschlag gebracht. Letztendlich war es eine Dokumentation über Europas Lebensmittelpolitik.
Und nun bin ich Öko auf Probe. So viel Veggie und Bio wie möglich. An das Vertilgen von Hühnern ist gar nicht mehr zu denken, Fleisch macht auch nicht mehr so richtig Spaß.
Ausnahmen gibt’s bei Abgelaufenem, das wird ja sonst sowieso nur weggeschmissen.
Seit zwei Wochen bin ich nun so drauf. Erstes Fazit: Essen ist teurer geworden. Einkaufen häufiger (quasi täglich statt alle 7-10 Tage einen Berg) und dauert länger, weil 90% des Angebotenen nicht in Frage kommen. Auf einmal koche ich richtig, statt nur Verpackungen aufzureißen.
Das ist keine sklavische Sache. Eher eine Art Leitfaden. Und nicht wegen der Gesundheit, sondern zur reinen Gewissensberuhigung. Frei nach Gandhi: Jeder so, wie er kann.

Aber ich wachte eifersüchtig über meinen Charakter

Gandhis Motto und ein inspirierender Beitrag für jedes ethische System. Die alte Masche „Ich will Jesus nicht traurig machen“ zieht ja irgendwie nicht. Das ist die Sache mit intrinsischer und extrinsicher Motivation – ein schlechtes Gewissen hält nicht lange vor.
Ethik als Charakterpflege also. Als langfristige Investition. Denn was nützt es mir, wenn ich die ganze Welt gewinne, aber Schaden an meinem Charakter nehme. Eine Absage an kurzfristige Voreile und ‚Lösungen‘.
Im Judentum gibt es die Vorstellung von der ‚Untathülle‘: Alles, was ich mir an unangemessenem Verhalten leiste, wird gesammelt und reichert sich an. Die Psychoanalyse sieht es ähnlich, wenn sie feststellt, dass das Unbewusste nie vergisst, dass hier all das lebenslang gespoeichert wird, was wir tun und erleiden.
Sämtliche Weltreligionen sind sich darin (wenn auch sonst in nichts) einig: Untaten haben Folgen. Das ist eben die Wahrheit, von der wir uns so häufig emanzipieren wollen – wir bescheißen uns, damit wir andere bescheißen können.
Und so schiziphrenisieren wir uns. In allen anderen Lebensbereichen planen wir langfristig – versichern uns, schließen Rentenverträge ab, machen uns krumm. Nur in Charakterfragen wird kurzfristig geplant. Und kurzsichtig.

Fassadenschlacht

Schon mal geträumt, eine komplette Zivilisation zu sein?
An einem gemütlichen Hügel errichteten wir unsere Stadt – seltsamerweise mit einer Mischung aus Mauer und Präsentationsfassade in nur eine Richtung, hoch wie eine Tsunamiwelle, verziert mit Mosaiken aus Marmor und Gold. Oben drauf, auf einem gepflasterten Platz, wurden die Häuser und Tempel errichtet.
Feinde kamen und gingen. Zwischendurch kämpfte vor unseren Toren Napoleon gemeinsam mit verbündeten schwedischen Truppen gegen Field Marshal Bernhard Montgomery. Die Schlacht ging unentscheiden aus und wurde allgemein „Schlacht von Gaugamela“ genannt, obwohl Alexander gar nicht in der Nähe gewesen war.
Irgendwann bröckelte der Putz, und es war meine Aufgabe (plötzlich war ich ein anscheinend uraltes Individuum), die Struktur der Stadt zu renovieren.
Behutsam wurde die Fassade der Mauer abgetragen, die Steine numeriert und geputzt und danach wieder neu eingesetzt. Nun sah die Stadt wieder toll aus, allerdings nur in der Mitte, wo renoviert worden war. Der Rand wirkte etwas gammelig.
Ein paar Jahrzehnte später kam eine gutaussehende, engagierte Journalistin vorbei und interviewte mich zur Geschichte der Stadt.

Und ich wachte heute morgen auf und fragte mich, was das olle Unbewusste mir da wieder sagen wollte.

Inspektion vs. Introspektion

Was ist eigentlich unangenehmer – durchschaut zu werden oder sich selbst zu durchschauen?
Nun, das eine geht nicht ohne das andere. Nur da kann ich mich ertappt (oder was auch immer) fühlen, wo ich selbst auch schon einmal emotional konnotiert hingesehen habe – gerne auch entsetzt.
Des Menschen Seele hat etwas von einem Klärbecken. Bleibt alles ruhig, sinkt die Kacke sinken die unahngenehmeren Anteile friedlich nach unten, wo sie weitgehend unverändert vor sich hingammeln. Die Oberfläche des Gewässers liegt sauber und friedlich da. Trifft man dann auf einen aufrührerischen rührenden Mitmenschen, der mit einem in diesem Fall wenig tröstlichen Stecken und Stab in ebenselbigem Gewässer herumstochert, wird’s braun bunt im nunmehr trüben Tümpel.
Der hiermit einhergehende Prozess wirkt auf den ersten Blick (die Nase ist hoffentlich geschlossen) produktiv. Aber das täuscht. Denn im Endeffekt warten wir doch nur darauf, dass die Exkremente wieder zu Boden sinken und wir so wirken, als könnten wir kein Wässerchen trüben.

Haarige Angelegenheit

Ist es eigentlich ein Naturgesetz, dass ein Mann auch dann keinen Kommentar macht, wenn er ganz deutlich erkennt, dass die vor ihm stehende Dame eine neue Frisur hat?
Warum ist das so?

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