Eventgastronomie

Pater Tommaso greift nach der Hostie, murmelt, hält sie, murmelt, hebt sie brusthoch, hält inne, höher, und Bruno sieht IHN in den Gesichtern der Gläubigen gespiegelt, in ihren verschrumpelten Mündern und rotzbeschmierten Nasen, höher, in ihren sich weitenden Augen und hüpfenden Adamsäpfeln, alle warten auf Christus…
Jetzt.

HOC EST ENIM MEUM CORPUS

„Jesus! Jesus“ „Reinige mich, Christus!“ „Hier! Hier drüben!“
Ein einziger Augenblick, und das Schweigen der Kirche wird zu einer Kakophonie gegröhlter Gebete, heiligen Gebrülls, eines Getöses von Fürbitten, Gebeten, Ersuchen. Christus ist nicht mählich, er ist jäh. Rosenkränze werden geschwungen und verheddern sich in hölzernen Kreuzen. Leute werden geohrfeigt von anderer Leute Amulette. Das genügt noch nicht, also gibt es auch Gehüpfe – ein rechter Blick auf die Hostie schützt bis zum Sonnenuntergang des nächsten Tages vor Blindheit, Impotenz und Tod -, während die Kranken kopfhoch gestemmt werden, um ebenfalls in den vollen Genuss zu kommen: eine einbeinige Frau, ein schwer angeschlagener Kampfhahn, der Hund (obwohl er gesund ist und entweicht), hustende Kinder, jemandes Großmutter. Selbst das Schwein fällt ein, quiekt da oben vor sich hin, während von der Galerie Milchkübel über die Feiernden ausgegossen werden. Kohlköpfe werden geschleudert. Ein Page hält Ascanio einen hin, und er pisst auf seine Blätter. (…) Jungen lassen Hühner frei, die zu fliegen versuchen, scheitern, und denen man die Hälse umdreht. Das Schwein wird in ein Gedränge wartender Schweineliebhaber herabgelassen, die es Stück um Stück zerreißen – unter Gebeten – und sich mit dem hellroten Schweineblut bespritzen. Der Hund verfängt sich in Schweinegedärm. Gekotzt wird auch, der siegreiche Schankbursche wurde zunächst auf den Rücken geschlagen, dann verprügelt, schließlich ebenso erfolglos durchgeschüttelt, und endlich an den Hacken gepackt und geschwungen, bis sein widerstrebender schleimiger Mageninhalt herausspritzt…
(…)
Die Zeit nach der Kommunion ist immer reichlich langweilig. Ein paar Männer und Frauen hocken an den Wänden. Die Bodenfliesen sind mit Speiseresten und Abfällen beschmiert, mit Kohlblättern, Hühnerfedern, Milch, Blut. Der Hund ist verschwunden und das Schweinegedärm auch: aufgefressen. Hinter dem Lettner murmelt Pater Tommaso ein Per Christum Dominum Nostrum, und Fulvio und Bruno steuern ein abschließendes Amen bei.

Lawrence Norfolk, „Ein Nashorn für den Papst“

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