Der Hutterer in mir

Wurde man in einer sozialdiakonischen Kommunität großgezogen, so hinterlässt dies Spuren. Da hält sich beispielsweise hartnäckig die wildromantische Utopie, ‚irgendwann einmal‘ mit vielen Hunden, Katzen, Kindern und originell-künstlerisch-intellektuell-religiös angehauchten Gleichgesinnten einen verkehrsgünstig abgelegenen Gutshof mit DSL-Anschluss zu kapern, um ihn in ein hippes Fortbildungsmeditationskunsteventzentrum zu verwandeln, an dem niemand vorbeikommt, der etwas auf sich hält. Nebenbei retten und erlösen wir die Welt, wie es uns gefällt.
So’n Quatsch.
Seht euch an, was aus all diesen verträumten Kommunitäten wird: Machtmissbrauch, Frauenunterdrückung, Kinderverkloppen… Wie kommt man nur immer wieder auf die Idee, diese Leute für ‚ehrenwert‘ zu halten? Auch andere Menschen gehen morgens um 7 Uhr zur Arbeit oder tragen Hosenträger über ihrem karierten Hemd, dazu muss man nicht erst sektieren.
Wer sich abschottet, schafft damit potenziell krankmachende Strukturen. Ich muss diese Utopie dringend mal aus meinem Kopf herausbekommen.
Aber dieser Verzicht bedeutet auch Opfer. Er macht das Leben kompliziert, oft verwirrend, unsicher. Wo werde ich in 1-2 Jahren sein? Wie finde ich neue Freunde, wenn mal wieder ein Neuanfang dran ist? Auf wen kann ich mich verlassen?
Die kommunitäre Gleichgesinntenflatrate hat eben auch etwas für sich. Aber kostet.
Dann lieber selbst suchen. Und suchen. Und auch mal verunsichert werden. Und auch mal daneben liegen. Besser auf Endlösungen verzichten.

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