Auf der Flucht

Seit er nicht mehr professioneller Gottesdienstbesucher war, wusste er sehr genau, was es bedeutete, einen der wenigen freien Sonntage in den Kirchenbesuch zu investieren. Zu zweit ging das, alleine war es schon schwerer, meistens funktionierte es jedoch. Und wenn man dann erst mal da war, dann war man ja auch froh, sich überwunden zu haben. In seiner Gemeinde war im Moment einiges in Bewegung, und da wollte man ja dann auch dabei sein.
Heute begann der Godi extra spät, und das Internet versprach sogar eine extra gute Predigt. Also hin. Auf die Empore (weil mal wieder zu spät und sowieso). Hingesetzt – niemand nahm Notiz, jeder mit sich selbst beschäftigt. Der Aushang verkündete: Heute nur Lieder aus dem ollen Buch – Nr. 256, 257, 259, 261 – da hatte jemand sich richtig Gedanken gemacht. Ein olles Lied, das niemand kannte, wurde runtergeleiert. Dann die Ansage, die meisten seien ja heute auf Gemeindefreizeit. Noch ein Lied.
In ihm rief eine gequälte Stimme: RAUS HIER!
Diese Stimme kannte er seit seiner Gottesdienstbesucherkindheit, hatte sie ignoriert. Er kannte sie aus seiner ersten Gemeinde als Pastor, hatte sie ignoriert. Hatte sie auch hier oben auf der Empore schon oft vernommen – und ignoriert.
Bis heute.
Aber die Predigt, dachte er. Es nutzte nichts. Er klappte das Buch zu. Laut. Niemand bemerkte es. Stand auf. Niemand bemerkte es. Ging zögernd zum Ausgang, drehte sich um und blickte bittend zurück. Niemand bemerkte es. Ging die Treppe hinunter, durch die Tür. Niemand bemerkte es.
Draußen schien die Sonne.
„Das hast du gut gemacht“, sagte die Stimme in ihm, während er todtraurig zum Auto schlurfte.
Aber die Predigt hätte er schon gerne gehört.

To Do

Einst lagerten sich meine To Do’s an diversen Stellen ab, wie Kalk an einem Herzkranzgefäß:
-Monitor (Post it)
-Monitor (Software, die Post it imitiert)
-Zettel auf Schreibtisch (diverse bis zahllose)
-Zettel in Hosentasche (gerne auch ge- und damit verwaschen)
-Smartphone (digital gespeichert)
-Smartphone (Post it draufgeklebt für besonders Wichtiges)
-Outlook (entsprechender Ordner)
-Outlook (als gelber Pseudotermin in den Tagesablauf kopiert)
Und ich hatte immer, immer ein schlechtes Gewissen, und meine Seele sprach zu mir und sagte: „Du faule Sau, dein Leben ist ein hässliches Chaos“

Dann kam die Mindmap in mein Leben. Und siehe, alles wurde neu.
Nun sind alle Aufgaben hübsch nach Themenbereichen geordnet. Ich bin immer froh, wenn etwas Neues hinzu kommt und das Bäumchen noch hübscher mache. Inzwischen präsentiere ich es sogar gerne stolz, wenn jemand ins Büro kommt und nett fragt: „Was machst du denn eigentlich gerade?“ Angesichts der grünen, gelben und (leider manchmal auch) roten Rechtecke kommt dann auf jeden Fall ein (bewunderndes?) „Puuuuh!“
Das macht alles richtig viel Spaß. Und meine Seele spricht zu mir und sagt: „Dein Leben sieht zwar ganz schön kompliziert und verästelt aus, aber hübsch isses.“

Immer mehr von dir, immer mehr…

blogjesus

Gedankenschnipselendlagerung

Kinder können sehr schlimmen Schade nehmen, wenn sie nicht von heterosexuellen weißen Bildungsbürgertumseltern aufgezogen werden. Dazu gibt’s doch sicher eine passende Untersuchung.
Ist schon erschreckend, wie schnell man gedankengutmäßig über ein, zwei Abbiegungen von Frau Vonholdt über Eva Braun Hermann zum Erfinder der Reichstagsillumination gelangt.
Hey, ob sie den wohl als Redner eingeladen hätten? Ich seh’s schon vor mir: „Die Endlösung war überhaupt nicht Thema des Kongresses“…
War das jetzt zu böse? Ist ja nur Meinungsfreiheit.

Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht voran

Die Bundeskonferenz an sich war auf unterlassungssündige Weise unspektakulär, brav, herausgeputzt. Man kann nichts gegen sie sagen, aber eigentlich braucht sie doch wohl niemand. Es ginge auch ohne sie. Unsere eigene Schuld, denn die Konferenz sind wir.
Und doch war sie toll. Wohl noch nie in meinem Leben hatte ich so viele spannende und wohltuende Gespräche mit so vielen interessanten Menschen. Wo kommen die plötzlich alle her?
Beeindruckende Erlebnisse in vielen Bereichen: Humorvolle Vergangenheitsbewältigung, genussvolles Netzwerken, schlagwortartiges Vergewissern von Gemeinsamkeiten, Rauchen, Lachen, nächtliches Spazierengehen, Fundamente für zukünftige Unternehmungen und Projekte legen, in die Kamera lächeln, verliebt sein, Freunde treffen, wunde Füße pflegen.
Und nach jedem brillianten und überraschenden Gespräch denken: „Doller kann’s jetzt nicht mehr werden.“ Konnte es aber. Immer wieder.

Der Dämon Angst


Aus gegebenem Anlass, der mich gerade etwas schlaflos macht, zitiere ich mich ausnahmsweise einmal selbst:

Weisheit als “angstfreie Weite des Herzens”
“Als Weisheit wird allgemein eine auf Lebenserfahrung und Einsicht beruhende innere Reife und kluge Überlegenheit im geistigen Sinne bezeichnet.” (Wikipedia)
Wenn ich das mal aneinanderfüge: Um weise zu handeln, muss ich für mich selbst und mein Gegenüber offen sein. Ein gesundes Maß an Egoismus gehört dazu – ich weiß, was ich will und sorge dafür, dass ich es bekomme. Dabei lasse ich mich nicht allzusehr von Möglichkeiten und Notwendigkeiten abschrecken. Ich nehme sie allerdings wahr.
Ich handle authentisch, lege meine Gedanken und Gefühle offen dar und schere mich nicht darum, ob sich das am Ende lohnt oder nicht.
Für mich ganz wichtig (und hier kommt der Bezug zur Grafik): Der Dämon “Angst” hat keine Macht über mich. Wenn Angst über meine Entscheidungen bestimmt, ist der Tod im Topf. Die Angst ist sehr wohl da und hat ihre Schrecken, aber ich weise sie in ihre Grenzen. “Hallo Angst, schön dass du da bist. Würdest du bitte mal eben dort drüben Platz nehmen, ich beschäftige mich nachher mit dir.”

Das musste ich mir mal eben selbst sagen. Hoffentlich hilft’s.

Der Messias, an den wir glauben…

…trieb niemals Händler und Wechsler aus dem Tempel aus, schrieb aber einen bitterbösen Leserbrief.
…ignorierte Zachäus auf dem Baum und kehrte auch nicht bei ihm ein, um Missverständnisse zu vermeiden.
…ließ die Steinigung der Ehebrecherin zu – das Anliegen der Volksmenge war berechtigt weil schriftgemäß.
…grenzte sich deutlich von Zöllnern und Huren ab und verurteilte ihre Lebensweise öffentlich. Dies führte dazu, dass man eines Nachts an die Wand seines Hauses Graffitis wie „Zöllnerhasser“ und „Frauenfeind“ sprühte, woraufhin er sich sehr über die christenfeindliche Stimmung in der Gesellschaft beklagte.
…war aufgrund seiner Mindestanforderungen für ehrenamtliche MitarbeiterInnen nur mit sechs Jüngern unterwegs.
…kannte keinen Jünger, den er lieb hatte, denn Pastoren sollen keine Freunde in der Gemeinde haben.
…starb nicht für mich, weil ich nicht sämtliche Voraussetzungen erfülle, um seiner würdig zu sein.

Marburger Schmierentragödie

Dass in Marburg Kirchen und kirchliche Institute vollgekritzelt werden, ist eine Sauerei und nicht hinzunehmen. Gewalt ist keine Lösung.
Nun mag sogar die verquere Situation entstanden sein, dass Mitglieder meiner Partei die Fassade meiner Gemeinde zugesaut haben. Aber das sind Spekulationen. Ich hoffe mal nicht.
Das ist eine ganz miese Entwicklung. Und so haben sich inzwischen beide Seiten selbst dasavouiert, beide Seiten vrsäumen es, sich von den Radikalen in ihrer Mitte zu distanzieren. Pfui hier wie da.

Aber jetzt mal ganz unabhängig davon: Folgendes Graffiti würde ich auf jeden Fall dran lassen, wenn es eines Morgens am Schild meiner Organisation prangen würde. Und noch ein paar weitere dazu sprayen, die ebenfalls klar machen, wofür wir stehen.

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Das Ehrenamt und Gemeinde light

Heute habe ich meinen Termin gemacht: Demnächst treffe ich mich mit dem Team einer Altenpflegeeinrichtung. Wir werden uns kennenlernen und überlegen, ob ich sie supervisorisch begleiten werde. Ehrenamtlich. Mal sehen, ich bin gespannt.
Natürlich ist das nicht so cool wie Sterbende im Hospiz begleiten, Penner coachen oder Bordsteinschwalben Kräutertee servieren.
Ja, sollte Ehrenamt überhaupt cool sein, Spaß machen, gar stolz?
Ich finde ja. Ich sollte durchaus von meinem Engagement profitieren. Jeder hat da seine eigene ‚Sprache der Liebe.‘ Wenn jemand alten Omas den Hintern abwischt, um bei seinen Kumpels damit angeben zu können, finde ich das völlig ok. Die Omas kratzt das nicht. Hauptsache, der Pops ist sauber.
Was spricht dagegen, den Kick im Hospiz oder auf der Krebsstation zu suchen statt beim Indoor-Klettern? Den Sterbenden und Krebsenden ist es egal. Solange ich offen und freundlich mit ihnen umgehe, mich auf sie einlasse, ist doch alles super.

Und dann noch eine andere Sache, die mir im Kopf herumspukt: Wie wäre es, wenn wir Christen(den) aufhören würden, alles selbst machen zu wollen? Also Gemeinde nun noch auf das Nötigste beschränken und unsere Mitglieder(Innen) motivieren und ausrüsten, um sich ‚draußen‘ zu engagieren? Ganzheitliche Kleingruppen als Rückgrat und Homezone des sozialdiakonischen Engagements? Überhaupt Gemeinde als Supervisionsgruppe für ein abenteuerliches, wagemutiges, liebevolles Leben verstehen?
Anstatt immer gleich jede neue Idee, die es gibt, fromm verbrämt selbst anzubieten. Das überfordert doch nur. Und führt zu Frust.

Idee des Tages

Mich bei Wüstenstrom oder Frau Vonholdt als Hetero ausgeben, der mit seiner sexuellen Orientierung unzufrieden ist und auf schwul umtherapiert werden möchte. Heterosexualität birgt schließlich viele gesundheitliche und psychische Risiken.

Dann sehen wir ja, wie ergebnisoffen man da ist…

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