Auf der Flucht

Seit er nicht mehr professioneller Gottesdienstbesucher war, wusste er sehr genau, was es bedeutete, einen der wenigen freien Sonntage in den Kirchenbesuch zu investieren. Zu zweit ging das, alleine war es schon schwerer, meistens funktionierte es jedoch. Und wenn man dann erst mal da war, dann war man ja auch froh, sich überwunden zu haben. In seiner Gemeinde war im Moment einiges in Bewegung, und da wollte man ja dann auch dabei sein.
Heute begann der Godi extra spät, und das Internet versprach sogar eine extra gute Predigt. Also hin. Auf die Empore (weil mal wieder zu spät und sowieso). Hingesetzt – niemand nahm Notiz, jeder mit sich selbst beschäftigt. Der Aushang verkündete: Heute nur Lieder aus dem ollen Buch – Nr. 256, 257, 259, 261 – da hatte jemand sich richtig Gedanken gemacht. Ein olles Lied, das niemand kannte, wurde runtergeleiert. Dann die Ansage, die meisten seien ja heute auf Gemeindefreizeit. Noch ein Lied.
In ihm rief eine gequälte Stimme: RAUS HIER!
Diese Stimme kannte er seit seiner Gottesdienstbesucherkindheit, hatte sie ignoriert. Er kannte sie aus seiner ersten Gemeinde als Pastor, hatte sie ignoriert. Hatte sie auch hier oben auf der Empore schon oft vernommen – und ignoriert.
Bis heute.
Aber die Predigt, dachte er. Es nutzte nichts. Er klappte das Buch zu. Laut. Niemand bemerkte es. Stand auf. Niemand bemerkte es. Ging zögernd zum Ausgang, drehte sich um und blickte bittend zurück. Niemand bemerkte es. Ging die Treppe hinunter, durch die Tür. Niemand bemerkte es.
Draußen schien die Sonne.
„Das hast du gut gemacht“, sagte die Stimme in ihm, während er todtraurig zum Auto schlurfte.
Aber die Predigt hätte er schon gerne gehört.

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2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Christopher
    Mai 31, 2009 @ 18:57:25

    Hab ihn auch nicht bemerkt, sorry! Aber diese Stimme habe ich auch gehört…
    Zwischenzeitlich schrie sie fast!

    P.S. Sack!

    Antwort

  2. Nils
    Mai 31, 2009 @ 19:55:28

    Du solltest nur noch in der dritten Person schreiben, das liest sich echt schön.

    Memo an mich: Mehr über Narration und Storytelling erfahren.

    Antwort

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