Wuchern meine Pfunde?

Mal wieder treibt mich der Gedanke um, ob ich mein Potenzial eigentlich in ausreichender und zufriedenstellender Weise nutze. Hole ich genug aus mir raus? Sollte ich mich mehr fordern? Oder doch eher auf die Bremse treten?
Und nein, das hat jetzt nichts mit meinem Job zu tun, jedenfalls nicht nur. Denn nur ein funktionierender Jobber zu sein, das tue ich mir und meinen Nächsten nicht mehr an – allenfals in der neuanfänglichen Beschleunigungsphase ist so etwas ratsam.
Die Frage, ob ich zu ehrgeizig oder zu bescheiden bin, zu brav oder zu böse (beides wäre grundsätzlich ausbaubar, da geht noch was) ist wieder mal da.
Oder einfach mal eine zeitlang Schaukelstuhl und Meerschaumpfeife? Nee, da würde ich ja komplett austicken.
Also weiter den Dreamcatcher geben, den selbstgemachten Seifenblasen hinterherlaufen, als ob es um alles oder nichts ginge – der Hund, der engagiert und ernsthaft den eigenen Schwanz verfolgt.
Ist das meine Art, das Leben zu genießen? Oder missachte ich dieses göttliche Gebot völlig und schaffe mir so meine eigene Hölle?
Ich weiß es nicht.

Auch in Bottom Up gibt es oben und unten

Einer der Gedankenstränge, die mich immer mal wieder beschäftigen, ist die Frage, wie das denn nun mit Leitung, Führung, Basisdemokratie funktionieren kann.
Einerseits bin ich ja bekanntermaßen notorisch system- und strukturkritisch aufgestellt.
Anderserseits führt mir v.a. die Supervisionsausbildung immer wieder neue Texte, Erkenntnisse, Prozesse zu, die das System „systemfeindlich“ nachhaltig erschüttern.
Ich glaube, im Mittelpunkt all dessen, was ein menschenfreundliches System braucht, steht der Begriff der Freiheit. Der Mensch will sich angstfrei entfalten können, ausprobieren und experimentieren, er selbst sein können, ohne dafür auf die Mütze bekommen. Als „Pionier des Ichs“ (Philip Roth) will er auf dem Weg, er selbst zu bleiben und zu werden, nicht alleine unterwegs sein. Er braucht Zustimmung und Korrektur. Das beginnt schon früh mit dem Glanz im Auge der Mutter und zieht sich durch das gesamte menschliche Leben. Anerkennung ist wichtig, aber auch Feedback der eher unbequemen Art, wie es besonders gut Freunde geben können.
Wenn das so ist, dann kann Gemeinde nur dann wohltuende Gemeinschaft sein, wenn es ihr erklärter Zweck ist, den Menschen Mensch sein zu lassen – ihm Zuhause zu bieten; Sicherheit, aber auch Abenteuer. „It takes a whole village to raise a child“, sagt man. Und es braucht eine ganze Gemeinde, damit Menschen einander begegnen und dabei Prägendes hinterlassen können. Keinen Stempel, wohlgemerkt, und nein, auch kein Siegel.
Was gibt da Sicherheit? Einerseits braucht es Freiheit und Flexibilität. Andererseits aber auch einen klar definierten Rahmen, Strukturen, Leitung. Keine Leitung, die sich selbst verwirklicht und ihre Komplexe zu kompensieren sucht. Die Gemeindemitglieder sind nicht die Heizer oder Ruderer, sie sind die Mannschaft.
Also: Leitung ja. Als Konsequenz und Umsetzung eines Mandats. Nicht, um Leitung zu sein, sondern um Ziele zu erreichen.

Ich weiß mich geführt

Gestern noch wurde ich wegen meiner übergroßen Arroganz und mangelnden Spannungs- und sonstigen Toleranz ausgeschimpft und der entsprechende Persönlichkeitsaspekt zur dringenden Überarbeitung empfohlen.
Heute liegt ein Buch über positionelle Toleranz in meinem Briefkasten.
Das kann kein Zufall sein.

Progressive Minenfelder

Neulich las ich die interessante Beobachtung, progressive „leaders“ seien häufig brilliante Denkerinnen und Denker, durchaus in der Lage, ihre Ängste zu überwinden und kritisch ihre Stimme zu erhemen, auch auf die Gefahr hin, massiv dafür kritisiert zu werden. Auf der anderen Seite fiele es ihnen schwer, Gemeinschaften zu bilden, stabile soziale Netze aufzubauen und sich in ein größeres Ganzes einzufügen. Häufig verließen sie diese Gemeinschaft aus vermeintlich inhaltlichen Gründen. Diese offensichtliche soziale Inkompetenz sei der Hauptgrund dafür, dass die christliche progressive Bewegung nicht die ihr angemessene Bedeutung habe, sondern eher ein Schattendasein friste.
Tja, offensichtlich bin ich hier keine Ausnahme. Wenn ich meiner Hauptkritikerin glauben darf, liegt genau hier meine Achillesferse.
Aber was nun? Es stellt sich die immer gleiche Frage hinsichtlich des Ressourcenmanagements und der weiteren persönlichkeitsentwicklerischen Zielrichtung: Die Schwächen flicken oder die Stärken erweitern?
Am Ende kann die Frage wohl nur zielorientiert gestellt werden: Mit welchen Eigenschaften und soft skills muss ich gesegnet sein, um ein noch näher zu bezeichnendes Ziel zu erreichen? Was sind die Hauptbremser? Und inwiefern lassen sie sich bearbeiten? Geht das überhaupt?
Ist Persönlichkeitsentwicklung nicht letztendlich Sünde weil Eingriff in die Schöpfungsordnung? Dürfen wir dann überhaupt noch predigen und seelsorgen?
Aber ich schweife ab (es gibt wohl auch und nicht zuletzt die Tendenz, Theologie zu Abwehrzwecken zu missbrauchen).
Ach, die Antwort ist ja so was von offesichtlich: Ran an die blinden Flecken. Verdammt.

Vom Bloggen und Nichtbloggen

So wie jedes Projekt drei Phasen hat (Vorbereitung, Durchführung, Nacharbeit), so ist es wohl auch im Leben.
Momentan ist bei mir eher „Nacharbeit“ angesagt. Eine intensive und bereichernde Arbeitszeit liegt hinter mir. Da ist vieles liegen geblieben, und die To Do hat irgendetwas zwischen 30 und 40 Punkten.
Momentan ist mir gar nicht so sehr danach, neue Ideen zu spinnen. Das kann sich natürlich schnell ändern. Aber gerade scheint es eher nötig, das Leben zu defragmentieren, aufzuräumen, neu zu justieren. Damit Neues beginnen kann.
Ach ja, eine Sache wird demnächst neu angegangen. Nils und ich starten etwas. Online. Demnächst. Hehe.

Derek Webb, „What matters more?“


you always treat people like you like to be
I guess you love being hated for your sexuality
You love when people put words in your mouth
‚Bout what you believe, make you sound like a freak

‚Cause if you really believe what you say you believe
You wouldn’t be so damn reckless with the words you speak
Wouldn’t silently consent when the liars speak
Denyin‘ all the dyin‘ of the remedy

Tell me, brother, what matters more to you?
Tell me, sister, what matters more to you?

If I can tell what’s in your heart by what comes out of your mouth
Then it sure looks to me like being straight is all it’s about
It looks like being hated for all the wrong things
Like chasin‘ the wind while the pendulum swings

‚Cause we can talk and debate until we’re blue in the face
About the language and tradition that he’s comin‘ to save
Meanwhile we sit just like we don’t give a shit
About 50,000 people who are dyin‘ today

Tell me, brother, what matters more to you?
Tell me, sister, what matters more to you?“

deutsch (frei):

Du sagst du behandelst die Leute immer so, wie du auch gerne behandelt werden möchtest
Ich schätze mal du liebst es, für deine Sexualität gehasst zu werden
Du liebst es, wenn dir Leute Worte in deinen Mund legen
Was du so glaubst, lässt dich wie ein Verrückter klingen

Würdest du wirklich das glauben, was du vorgibst zu glauben
Dann wärst du nicht so verdammt rücksichtslos mit deinen Worten
Würdest den Lügnern nicht schweigend zustimmen
Und das absterbende Heil weiter leugnen

Sag mir, Bruder, was ist dir wichtiger?
Sag mir, Schwester, was ist dir wichtiger?

Wenn ich dir sagen kann, was in deinem Herzen steckt, durch das was du sagst
Dann sieht es für mich ganz so aus, als ginge es nur darum, hetero zu sein
Es sieht so aus als würde man für alles was falsch ist gehasst werden
Wie dem Wind nachzujagen, während die Zeit vergeht

Denn wir können reden und debattieren bis wir schwarz werden
Über Ausdrucksweise und Tradition, für die Er uns erretten wollte
Mittlerweile sitzen wir hier rum als kümmerte es uns einen Scheiß,
Dass heute schon wieder 50.000 Menschen sterben müssen

Sag mir, Bruder, was ist dir wichtiger?
Sag mir, Schwester, was ist dir wichtiger?

Wenn dein Kind dich morgen fragt, was Liebe ist, dann sollst du ihm sagen:

Ach, wenn ich das wüsste.
Es ist ein Sturm, der die Sinne vernebelt, dich Sachen tun lässt, Entscheidungen fällen, die du hin und wieder bereuen wirst. Und jubelnd feiern, schulterklopfend und schulterbeklopft.
Es ist ein Magengrimmen, ein Innentoben, manchmal, weil zuviel von etwas da ist, manchmal, weil zu wenig.
Es ist der Himmel auf Erden.
Es ist das sichere Wissen, dass der Sprung, den du da gerade wagst, alles ändern wird, unwiderruflich, ein Allesbedeuten, Allesändern, Allesverrücken. Ein Altes beweinen, ein Neues fürchten, ersehnen, begrübeln, kaum erwarten können.
Es gibt dem Leben Sinn und Glück.
Es ist die Mutter des inneren Kuddelmuddels, der wahre Durcheinanderbringer, aber auch Wiederzusammenfüger.
Es ist der Wunsch, darauf verzichten zu können und das sichere Wissen darum, genau das aber gar nicht zu wollen, denn siehe, es ist gut, aber nicht alles.
Es ist das Willkommenheißen des Schmerzes, der Lust, der Sorge, des gurgelnden Lachens, der Bedenken, des unverdrängbaren Grinsens.
Es ist das Wunder, dass zwei Menschen staunend zueinander finden, sich unter Schmerzen verlieren, wieder zueinander finden – sich schöne Dinge sagen, sich hässliche Dinge sagen, sich schöne Dinge sagen.
Kurzum: Kind, ich habe keine Ahnung.

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