NGÜ- mit freundlichen Grüßen


Wenn eine neue, solide Bibelübersetzung auf den Markt kommt, dann muss ich sie haben (solide: keine Einzelarbeit eines Gurus, Luther und Drewermann mal ausgenommen).
So kam ich zur Neuen Genfer Übersetzung, die heute auf dem Postweg eintraf. Der Spruch auf dem Einband (siehe Foto) ist ja schon mal ganz lustig. Die Aufmachung im Moleskin-Stil – total hip. Aber dann…
„Gott spricht. Heute“ und „Wer das liest, lebt länger“ auf dem Umschlag. Na ja. Hat was von Klospruch, oder? Und „verständlich . zuverlässig . relevant“ – das ist… zumindest ein Gesprächsimpuls. Mich schüttelt’s etwas, und traurig denke ich bei mir: Hm, also doch nur Evangelikales in neuem Gewand. Begründen kann ich’s nicht, ist nur so ein Gefühl.
Aber kommen wir zum Inhalt. Mein Testvers bei neuen Übersetzungen ist immer Gal 3,1. NGÜ schreibt: „Ach ihr unverständigen Galater! In wessen Bann seid ihr nur geraten?“ Im ‚Original‘ steht da in etwa: „Oh unwissende Galater, wer hat euch behext?“ Mit etwas „Ach“ und „nur“ wird der Satz unnötig lang. Verständlicher, zuverlässiger, relevanter wirkt die NGÜ-Variante auf mich nicht.
Zweiter Versuch: 1 Kor 11, 23b. Gute Übersetzungen schreiben hier von „ausliefern“, denn das griechische Wort meint „von einem Machtbereich in einen anderen überstellen“. Mal sehen… „In der Nacht, in der er verraten wurde.“ Och, schade, NGÜ. Immerhin wird per Querverweis auf die Problematik hingewiesen, allerdings auch das nicht ganz korrekt.
zwischenauswertung: Erst einmal nicht so toll, NGÜ. Da bleibe ich lieber doch noch bei meiner hübschen roten Neuen Zürcher.
Ein paarmal werde ich’s schon noch versuchen. Vielleicht ist das stylische Stück am Ende ja doch noch „verständlich . zuverlässig . relevant“.

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Die Partei hat nicht immer Recht

lmv2Meine erste grüne Landesmitgliederversammlung war spannend. Erst einmal war der Saalviel zu klein, so dass viele der 250 Politikinteressierten stehen mussten. Tische hatten nur die VIPs, Presse sowie die Vertreterin des amerikanischen Konsulats (???).
Schwarzes Jackett und rosa Hemd wirkten wohl etwas overdressed, das tragen in dieser Partei nur Funktionäre. Dementsprechend neugierig bis misstrauisch wurde ich dann auch von pullovertragend müffelnden und eintrachtsweatshirtbewehrten Jugendlichen beäugt. Aber nett waren sie alle, die Sowilehrer und Toskanatöpferinnen Hessens.
Mit einer halben Stunde Verspätung ging’s los – selbst die Bahn rechtfertigt sich heutzutage für so etwas. Einziges Giveeaway war ein grüner Abstimmungsnotizblock, deren Nummerierung von 1-80 nichts Gutes verhieß. Noch nicht einmal Namensschilder. Dabei war ich doch zum Leute kennenlernen hergekommen. Und wie sollte ich nun die Leute von meinem neuen Kreisverband kennen lernen, der sich immer noch nicht bei mir gemeldet hatte?
Rede von Claudia Roth, Rede von Tarek al-Wazir. Der etwas von einem parteibuch erzählte. „Wenn man wenigstens mal eins bekommen würde“, knurrte ich – sehr zur Erheiterung der Umsitzenden.
Die Stimmung war doll, alle stolz auf ‚ihre‘ Prozente. Weichgespülte Anträge, von denen man dann am nächsten Tag in der Zeitung lasen, dass sie Weichenstellung für Jamaica in Hessen waren. Na toll.
Aber die Begrenzung der Redezeit auf drei bis fünf Minuten (je nach TOP) sowie ihre Beschränkung auf eine Handvoll Redende (quotiert) war klasse. Auch dass über den Haushalt abgestimmt wurde, ohne dass der Schatzmeister in seiner Rede auch nur eine einzige Zahl genannt hatte, beeindruckte mich nachhaltig.
Ansonsten alles wie in meiner eigenen Firma. Viel Gerede von vorne, wenig Beteiligung der Basis. Ist doch irgendwie häufig dasselbe. Nur die Bühne war echt futuristisch.

dENKEmal

Immer, wenn es einen Promi erwischt, hat das etwas Persönliches. Das war jemand, den ich ‚kannte‘, der in irgendeiner wenn auch marginalen Weise Teil meines Lebens war. Jetzt nicht mehr.
Meistens überrascht mich so etwas nicht. Auch nicht beim Enke, denn der hatte ja schon etwas Depressives, Freudloses, Zurückgezogenes, Vereinsamtes. „War das denn nötig? Wer hätte das verhindern können?“ Fragen dann die Leute – und so auch ich.
Wie kam es dazu? Darüber wird jetzt viel diskutiert werden. Fakt ist: Wenn einem Menschen die Perspektive abhanden geht, die Lebensfreude zerrinnt, dann gibt es ganz einfach keinen Grund mehr, weiter zu machen. Wozu aufstehen? Wozu Brötchen holen, Steuererklärung machen, Auto waschen?
Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Aufgaben, Pflichten, Anforderungen. Man muss sich aufraffen, motivieren, dran bleiben. Es geht darum, das Bestehende zu tragen und gleichzeitig weiter zu denken – nach vorne.
Das ist manchmal anspruchsvoll. Oft richtig schwer. Aber es gibt auch die sehr schönen und genussvollen Zeiten, Oasen des Fließens und Genießens.
Menschen wie Robert Enke kann das zu schwer werden. Dann machen sie dem folgerichtig ein Ende.
Es steht mir nicht zu, über diese Entscheidung zu urteilen. „Richtet nicht, denn auch ich richte nicht.“ (Joh 8, 15)
Nein, es geht mir um etwas anderes: Darum, es den Menschen leicht zu machen. Jesus spricht von einem sanften Joch. das gefällt mir, denn es ist sanftmütig und gleichzeitig realistisch. Warum also sollten wir es den Menschen mutwillig schwer machen?

Varus, Varus…

Schon als Kind war ich fansziniert vom heldenhaften Arminius, der den frech geword’nen Römern den dekadenken Hintern versohnte. Als Jugendlicher war ich fasziniert von der Diskussion, wo denn genau die „Schlacht im Teutoburger Wald“ stattgefunden hatte. Alternativen gab es viele – und einige Hobbyhistoriker hielten es für möglich, dass das Gemetzele ganz in der Nähe meiner Heimat ausgeführt wurde. Das kribbelte.
Stets stellte ich mir vor, dass johlende Barbaren verweichlichte Legionäre durch einen Wald jagten und dann mit der Keule verkloppten. In etwa wie bei Asterix.
Nun hab eich gerade einen Roman zum Thema durchgelesen, der mich schwer desillusionierte: Iris Kammerer, „Varus“.
Auf einmal war ich mitten drin. Bei den drei Legionen, die tagelang durch triste Sumpfgebiete an den gefledderten Leichen ihrer gepfählten Kameraden vorbeimarschierten; bei dem Tross der Frauen und Kinder, der schutzlos hinter dem Heer hermarschierte und grausamsten Misshandlungen ausgesetzt waren; an den Offizieren und Varus selbst, die verbittert über den Verrat und hilf- und perspektivlos durch ein ihnen fremdes Land irrten; an Arminius, der alles andere als ein hald war, sondern offensichtlich ein skrupelloser Betrüger, der erst jahrelang als römischer Offizier gedient hatte und sich dann seine Insiderkenntnisse zunutze machte, um seine ehamaligen Freunde und Kameraden mithilfe unfassbarer Grausamkeiten und Kriegsverbrechen in Panik und Verzweiflung zu treiben.
Gefangene wurden keine gemacht. Soldaten, Frauen und Kinder wurden sofort massakriert, Offiziere als Menschenopfer dargebracht – auf eine sehr langsame und quälende Weise.
Die Moral? Meine Historikversessenheit führt mich letztendlich immer wieder zu der Erkenntnis, dass der Mensch zu allen Zeiten einfach nur charakterlos ist, dass er stets das tut, was er sich leisten kann, und dass Macht und da Streben danach letztendlich jeden Charakter verdirbt.
Und: Lesen geht mir nach wie vor sehr viel intensiver unter die Haut als jede andere mediale Darreichungsform.