Führer, dem ich traue…

Gewissenhaft, wie ich bin, fuhr ich heute ins Büro, um den Briefkasten zu leeren.
Sind nur ein paar Kilometer auf der Autobahn. Und weil dem so ist. ließ ich das Navi ausnahmsweise mal aus.
Eine halbe Stunde später wunderte ich mich. Wieso sagten die Schilder ständig „Frankfurt“???
Beinahe 20 Kilometer war ich fröhlich vor mich hingedämmert ohne zu merken, dass ich in die völlig falsche Richtung fuhr. Obwohl ich die Gegend kenne wie meine Werstentasche.
Gewohnheit. Wenn ich mich verfahre, weisen üblicherweise dicke Pfeile und eine beharrliche Frauenstimme (oder der Exkanzler) darauf hin.
Fundis und Evangelikale könnten daraus eine hübsche Predigt machen. Seht ihr, das Navigationssystem göttlicher Gebote muss man immer mit sich haben, sonst fährt man in die Irre – oder Schlimmeres.
Ich aber sage euch: Es ist doch erst das Navi bzw. das Stieren darauf, das mir das Malör beschert. Schalte ich meinen eigenen Kopf aus, lasse stattdessen Andere für mich vordenken, dann verlerne ich es, mich selbst zu orientieren. Schon in so mancher Gemeinde war ich entsetzt darüber, wie wenig Eigendenken gelernt wird. Ermutigung? Fehlanzeige. Verunsicherung ist Programm. Auf Freizeiten braucht man nicht lange um zu erkennen, wes Geistes Kind die Teilnehmenden sind. Viele bekommen es sehr schnell mit der Angst zu tun, wenn sie herausgefordert werden, sich eine eigene Meinung zu bilden. Das wird ihnen zuhause besorgt, vorgeschnitten und vorgekaut.
Ein Navi kann noch so gut sein (und ich liebe Navis!) – die eigene Orientierung darf dadurch nicht beeinträchtigt werden.

Was ist Evangelium???

Immer mal wieder drängt sich mir ein fürchterlicher Vedacht auf. Dass es nicht so sehr auf die Inhalte ankommt, die ‚wir‘ in ‚unseren‘ Gemeinden zum Besten geben; dass vielmehr zählt, was zählbar ist. Die Statistik. Man kann nicht Gott und dem Mammon dienen, heißt es. Mammon, das schient viel mehr zu sein als Gold, Pfandbriefe und Kommunalobligationen. Immer wieder sagen Menschen angesichts von Phänomenen wie Hour of Power, Willow Creek oder Pro Christ: „Ok, da ist nicht alles 100% in Ordnung, aber immerhin spricht es viele Menschen an, die sonst nicht erreicht werden würden, und das ist doch gut so.“
Nein, ist es nicht. Denn tatsächlich kommt es sehr wohl auf die Inhalte an – auf das, was da vermittelt wird. Es kommt darauf an, ob Liebe und Miteinander im Mittelpunkt stehen oder nicht. Es kommt darauf an, ob Beziehungsfähigkeit (zu Gott, Menschen und mir selbst) gefördert oder behindert wird. Das allein zählt, das ist der Maßstab.
Nun bin ich wahrlich kein Engel und kein Stück besser. Aber ich wäre es gerne, sehr gerne. Ich will mich nicht zufrieden geben mit dem, was ich selbst bin, was ich um mich herum sehe. Ich will wachsen. Und etwas wachsen sehen.
Zuallererst kommt bei Jesus die Liebe, und ich finde, da wird häufigviel zu schnell drüber hinweggegangen. Nächstes Thema, nächster Punkt. Nein, ich denke, dabei will ich erst einmal bleiben. Und lernen, sehr viel lernen. Was bedeutet es denn, zu lieben? Erst einmal gehört dazu sehr viel Wertschätzung. Für Menschen, nicht für Institutionen. Wertschätzung, „geliebt werden“ ist ja die primäre Sehnsucht jedes Menschen; der Kitt jeder zwischenmenschlichen Beziehung, der Mörtel jedes soziologischen Gebildes. Aber eben dieses Zutat fehlt häufig. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Energiebilanz vieler Kirchen und Gemeinden so grottenschlecht ist, dass der Schnee auf dem Dach schmilzt, es durch die Löcher und Ritzen pfeift und pustet, so viel verschwendet, verheizt, durch den Kamin gejagt wird? Wir schuften uns zu Tode, aber die Bude wird einfach nicht warm. Wir tun alles, um sie voll zu bekommen, und übersehen dabei, dass sich niemand wohl fühlt, sondern im Gegenteil sich Schnupfen, Lungenentzündung oder Schlimmeres holt.
Kirchen brauchen den Wohlfühlfaktor. Kirchen müssen Wertschätzungsinstitute werden. Orte, an denen wir alle miteinander gut zueinander sind, an denen wir erst einmal lernen, gut zueinander zu sein, uns anzulächeln, einander die Herzen zu erwärmen, großzügig zu sein. Lernen. Das bedeutet auch einmal, Fehler zu machen.
Wie bekommt man so etwas hin?

Größtenteils harmlos

Da ich in der Zwischenzeit in der großen, weiten Welt gewesen war, fiel mir einiges auf: Dass sich an der Einrichtung seit der Renovierung 1986 wirklich überhaupt gar nichts geändert hat. In einem älteren Gebäudeteil liegt sogar noch der verfilzte Teppich von 1973, auf dem herumrobbend ich damals viele Kinderstunden verbracht hatte.
Gemeindelogo ist ein Charitäubchen, und das ist auch Programm: Sanft bis harmlos charismatisch, eine domestizierte Band, Bongo zum Weihnachtslied, in Moderation und Predigt Hinweis darauf, was Jesus für uns getan hat und dass es jetzt langsam mal Zeit ist, ihm dafür etwas zurückzugeben. Insgesamt seicht (was nicht an einzelnen Personen festzumachen ist, das ist einfach der Charakter des Hauses), aber nett, warm, kuschelig. Man sagt sich nicht ins Gesicht, was man voneinander denkt (das gehört sich nicht), das holt man zuhause am Mittagstisch nach und bei Geburtstagsfeiern – dort laut, zornig, impulsiv. So halten Feindschaften sich über Generationen.
Es bleibt an der Oberfläche, dort wird rührend gerührt . Alle paar Jahre Pro Christ, das ist der Höhepunkt. Wer es tiefer möchte, ist schon lange gegangen. Über Jahrzehnte wanderten die Originellen, die Aufmüpfer, die Weiterdenker ab. Geblieben ist die Mitte. Der Konsens. Der fühlt sich wohl mit sich.
Da komme ich her. Und wenn es mich auch leise gruselt, wenn ich all dies sehe und spüre, bin ich doch tief dankbar. Es war ein kuscheliges Nest, eine sichere Eierschale. Hier bin ich gewachsen, habe gelernt. Bin früh an Grenzen gestoßen, habe meine eigenen erweitert, wurde trotz Andersartigkeit geliebt und wertgeschätzt, treffe auch heute noch auf Menschen, die mich lachend umarmen.
Schön, dass ich hier sein konnte.

Schaffensdrang


Hier der Text

Paradigmenwechsel

Noch vor einigen Monaten hatte ich das Gefühl, mit meinen speziellen religiösen, kultischen, sozialen und politischen Ansichten völlig isoliert zu sein. Da machte ich mich auf die Suche – und ich fand.
Inzwischen ist meine Lesezeichenkategorie „Glaubensgeschwister“ so sehr angefüllt mit Links auf geniale, ja brilliante Seiten, dass ich bereits über Unterkategorien nachdenken muss, um nicht den Überblick zu verlieren. Massen von Blogs, Materialsammlungen, Entwürfen, Texten, Vorträgen, Videos usw.
Leider nur samt und sonders auf Englisch und aus Amiland.
Wäre ich Amerikaner, ich würde von einem Kongress auf den anderen pilgern, in Massen von Arbeitsgruppen und Initiativen mitwirken. Es wäre der Himmel auf Erden. Sogar DIE perfekte Stellenanzeige liegt inzwischen vor. Assistant Pastor in einer progressiven Megachurch mit hauseigenen Instituten und Initiativen, dass einem nur so die Ohren klingeln.
Aber Ach!, ich bin Deutscher. Auf einmal bin ich neidisch auf die Amis. Unglaublich.
Und was nun? Hier drüben gibt’s ja nichts. Lauter weitverstreite Vereinzelte. Da hilft nur eins: Ärmel hochkrempeln und selbst eine Initiative starten.

Unadventliches

„Wir haben Normalität erreicht! Ich wiederhole, wir haben Normalität erreicht!“

Douglas Adams

„Schön wär’s!“

Ich