Wie man auf sehr zuverlässige Weise Wein in Wasser verwandelt

Es gibt da eine Geschichte, die ich als Kind während eines Traugottesdienstes gehört habe. Seitdem werde ich sie nicht mehr los. Immer wieder muss ich an sie denken – mit den Jahren immer häufiger. Sie stimmt in erschreckender Weise mit Erfahrungen überein, die ich selbst immer wieder mache. Als initiativer Mensch bin ich um so mehr dazu verurteilt, sie ständig aufs Neue zu durchleben. Es ist bitter, es macht bitter, es enttäuscht.
Jahrelang habe ich vergeblich nach der Originalgeschichte gesucht. Vielleicht kann mir jemand die Quelle nennen, wenn ich sie aus der Erinnerung nacherzähle?

In einem fernen Land herrschte vor langer Zeit ein schöner Brauch. Wenn ein junges Paar heiratete, dann stellte es eine große Amphore vor dem Eingang zum Festsaal auf. Um die Kosten für die Hochzeit niedrig zu halten, brachte jeder Gast eine Schale Sake mit und leerte sie in die Amphore, bevor er den Festsaal betrat. Sake war teuer, aber durch diesen Brauch waren die Kosten auf viele Schultern verteilt.
Als in einem Jahr besonders viele Hochzeiten hintereinander stattfanden, dachte der Schneider des Ortes: “ Das Jahr war lang, ich habe so viele Schalen Sake beigetragen. Mein Geschäft lief schlecht, und ich werde den Gürtel etwas enger schnallen müssen. Sicher wird es niemand merken, wenn ich diesmal eine Schale Wasser in die Amphore fülle. Unter all dem Sake wird das gar nicht auffallen.“
Und so hielt er es dann auch. Er füllte die Schale mit Wasser, reihte sich in die Schlange der anderen Gäste ein und goss das Wasser etwas verschämt in die große Amphore. Dann begrüßte er Braut und Bräutigam, das Fest begann.
Als der Abend vorangeschritten war und man die große Amphore in den Saal holte, empfing er wie alle anderen Gäste seinen Anteil am Inhalt des Gefäßes. Gemeinsam mit allen anderen Gästen freute er sich auf den erquickenden Schluck, gemeinsam mit ihnen hob er seine Schale an, gemeinsam mit ihnen trank er begierig. Gemeinsam mit ihnen zeigten seine Augen zuerst Verwunderung, dann Entsetzen. In seinem Mund befand sich reines Wasser.

Mein persönlicher Fünfjahresplan

“At one point in my life, I enjoyed mocking religion and religious people, but the older I get the less I enjoy mocking anyone. That’s partly because I’m more keenly aware of how mock-able we all are, and partly because when I’m focused on making fun of others it is hard to learn from them. I’m not suggesting that I’m waiting for Christian fundamentalists to show me the way, but I am aware that there is something to learn about human nature from listening to people with that kind of faith. Listening doesn’t mean accepting reactionary ideas. One can listen to others and then fight fiercely against them.”

(Robert Jensen)

Über die Schönheit politischen Handelns

Mein erster Gedanke war: „Wie schön, wenn sich so unterschiedliche Menschen so offen begegnen können.“
Aber dann wurde mir klar: Die Unterschiede, die ich unterstelle, sind gar nicht so groß. Vermutlich jedenfalls.
Diese Momentaufnahme ist nicht das Produkt einer geförderten Integrationsmaßnahme, eines Projekts, einer Strategie.
Es ist die völlig natürliche Begegnung zweier Menschen, die ein gemeinsames Interesse haben (Demonstration gegen einen Flughafenneubau) und die ganz einfach keinen Grund haben, einander anders zu begegnen, als sie es tun. Wiese man sie auf die Schönheit ihrer Begegnung hin, würden sie vermutlich verständnislos mit den Schultern zucken.

Da wurde mir klar, wie wenig mir das Foto über die Fotografierten sagt.
Und wie viel über mich selbst.