Wie man auf sehr zuverlässige Weise Wein in Wasser verwandelt

Es gibt da eine Geschichte, die ich als Kind während eines Traugottesdienstes gehört habe. Seitdem werde ich sie nicht mehr los. Immer wieder muss ich an sie denken – mit den Jahren immer häufiger. Sie stimmt in erschreckender Weise mit Erfahrungen überein, die ich selbst immer wieder mache. Als initiativer Mensch bin ich um so mehr dazu verurteilt, sie ständig aufs Neue zu durchleben. Es ist bitter, es macht bitter, es enttäuscht.
Jahrelang habe ich vergeblich nach der Originalgeschichte gesucht. Vielleicht kann mir jemand die Quelle nennen, wenn ich sie aus der Erinnerung nacherzähle?

In einem fernen Land herrschte vor langer Zeit ein schöner Brauch. Wenn ein junges Paar heiratete, dann stellte es eine große Amphore vor dem Eingang zum Festsaal auf. Um die Kosten für die Hochzeit niedrig zu halten, brachte jeder Gast eine Schale Sake mit und leerte sie in die Amphore, bevor er den Festsaal betrat. Sake war teuer, aber durch diesen Brauch waren die Kosten auf viele Schultern verteilt.
Als in einem Jahr besonders viele Hochzeiten hintereinander stattfanden, dachte der Schneider des Ortes: “ Das Jahr war lang, ich habe so viele Schalen Sake beigetragen. Mein Geschäft lief schlecht, und ich werde den Gürtel etwas enger schnallen müssen. Sicher wird es niemand merken, wenn ich diesmal eine Schale Wasser in die Amphore fülle. Unter all dem Sake wird das gar nicht auffallen.“
Und so hielt er es dann auch. Er füllte die Schale mit Wasser, reihte sich in die Schlange der anderen Gäste ein und goss das Wasser etwas verschämt in die große Amphore. Dann begrüßte er Braut und Bräutigam, das Fest begann.
Als der Abend vorangeschritten war und man die große Amphore in den Saal holte, empfing er wie alle anderen Gäste seinen Anteil am Inhalt des Gefäßes. Gemeinsam mit allen anderen Gästen freute er sich auf den erquickenden Schluck, gemeinsam mit ihnen hob er seine Schale an, gemeinsam mit ihnen trank er begierig. Gemeinsam mit ihnen zeigten seine Augen zuerst Verwunderung, dann Entsetzen. In seinem Mund befand sich reines Wasser.

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2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. dietauschlade
    Feb 20, 2010 @ 10:48:26

    sehr gute geschichte!
    ich meine ich hätte sie auch schon mal irgendwo gelesen oder gehört – aber ich habe keine ahnung mehr wo…

    ich wünsche ein schönes (und sehr denkintensives) wochenende mit den ‚mitstreiter/innen‘! :o)

    Antwort

  2. dietauschlade
    Feb 20, 2010 @ 11:02:11

    [ich meinte :)…]

    Antwort

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