Was Macht mit mir macht

Mir ging unlängst ziemlich der Hut hoch, als ich anlässlich meiner Ausbildung in einem Text über (analytische) Supervision las: In der Analyse sei der Supervisor der Leiter, er habe den Ein- und Überblick; der Supervisand habe eben nicht dieselbe Sicht, er sehe weniger klar, und das sei eben so. Selbst wenn man ihm die Zusammenhänge erklären würde, könne er sie nicht begreifen.
Da fragte mich, wie diese zwei Bereiche meines Lebens zusammenpassen – einerseits Beruf und Privatleben, wo ich Beteiligung und Gleichberechtigung so groß wie möglich schreibe – und andererseits dann die Supervision, für mich ebenfalls sehr wichtig, die offensichtlich von Asymmetrie lebt und sie knallhart einkalkuliert.
In der nächsten Kurseinheit brachte ich diese Frage ein. Sie wurde erst einmal zurückgestellt, weil die anderen Kursteilnehmer mich ansahen wie Kühe im Gewitter. Stattdessen besprachen wir zwei Fälle. Und wenn ich auch etwas angesäuert war, ließ ich mich darauf ein.
Was sich auszahlte: Ich beobachtete den Kursleiter sehr genau. Und stellte fest, dass er unter seiner harten Schale eine sehr weiche, menschenfreundliche, zugewandte Art hat. Er war der Leiter; aber er schenkte der Person, die ihren Fall schilderte und persönlich sehr betroffen war, viel Mitgefühl und Empathie. Das rührte mich, und ich begriff: Es geht nicht (nur) um die Frage, wer die macht hat – sondern auch darum, wie sie genutzt wird. Und: Ich stelle mich als Supervisor meinem Gegenüber zur Verfügung, ich mache Angebote, ich mache mich auch selbst angreifbar. Beide ‚Seiten‘ sitzen in einem Boot, beide sind aufeinander bezogen, beide zeigen sich und machen sich spürbar. Abstinenz bedeutet nicht emotionale Abschottung.
Trotzdem läuft das nicht gleichberechtigt ab. Der Supervisor hält den Rahmen, wirkt so manchmal hart und unverständlich. Aber er setzt damit nur gemeinsam getroffene Vereinbarungen um. Er oktroyiert nicht, er hält ein.
Mir hat das sehr geholfen. Und ich freue mich schon sehr auf den nächsten Prozess, in dem ich diese Haltung anwenden kann. Denn es gibt für mich nichts Schöneres, als Menschen zu begleiten und sehen zu dürfen, wie sie ihr Potenzial entfalten und Neues wagen.

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Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. dietauschlade
    Mrz 11, 2010 @ 18:09:10

    sehr interessantes posting. mit dieser frage schlage ich mich derzeit auch oft herum – in bezug auf meine machtposition als lehrerin, die ich oftmals ebenso ‚unbefriedigend‘ und ‚ungerecht‘ finde. gut, was du über deine erfahrung des ’sich angreifbar machens‘ schreibst! :o)

    mirjam

    ps zu deiner umfrage über twitter: erwachsen wurde ich m.e. im laufe meines fsj während dessen ich an ‚reale grenzen‘ – außerhalb von schule und noten – stieß (und diese teilweise überschritt, teilweise nur erkannte).

    Antwort

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