Warum Kritik ein unverzichtbares Wesensmerkmal von Liebe ist

Manchmal habe ich das Gefühl, mich unheimlich unbeliebt zu machen, wenn ich das Phänomen Gemeinde kritisiere. Dann muss ich richtig schlucken, aber ändern wird das letztendlich nichts. Denn ich tue damit nicht mehr und nicht weniger, als einer starken, nachhaltigen, tiefempfundenen Berufung zu folgen. Gemeinde hat viele Seiten. Viel davon sind schön, schillernd, wunderbar. Und ich genieße sie. Manche sind aber auch hässlich, vergammelt, gesundheitsschädlich, geradezu lebensfeindlich. Das, was Gott uns da Wunderbares zur Verfügung gestellt hat, missbrauchen und pervertieren wir manchmal auf geradezu bestialische Weise. Der AK Sichere Gemeinde weist ganz richtig darauf hin (oder hat es, inzwischen wurde diese Aussage aufgrund des aufgekommenen Gegenwindes weitgehend zurückgenommen), dass Gemeinden regelrechte Brutstätten für Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sind. Autorinnen wie Claudia Schreiber singen mehr als ein Lied davon, wie Gemeinde (noch dazu eine in meinem eigenen Landesverband) ihr Leben deformiert und beinahe zerstört hat.
Ich könnte sehr lange so weitermachen, aber das will ich gar nicht. Gemeinde ist ein zweischneidiges Schwert. Da braucht es Menschen, die ihre Gemeinde(n) so sehr lieben, dass sie aufstehen und die Dinge beim Namen nennen. Freunde macht das nicht. Die Karriere beflügelt es nicht. Warum tut man so etwas? Weil mal aus einer inneren Notwendigkeit heraus handelt, die in Worten gar nicht ausdrückbar ist. Der Ursprung mancher (sicher nicht jeder) Kritik folgt göttlicher Berufung und Inspiration.
Gegeben hat es das alles schon immer. Die Bibel ist voll davon. Nur: So lange sich all dies innerhalb sauber wegstapelbarer Buchrücken abspielt, solange es sich um Propheten handelt, die seit Jahrtausenden tot sind, ist es kein Problem. Da lächeln wir über die doofen Israeliten, die es scheinbar alles falsch gemacht haben. Erst die Gleichzeitigkeit und die unmittelbare Betroffenheit macht das Ärgernis.
Stellt euch doch mal einen Amos vor, der mitten in eurer Anbetungszeit aufspringt und ruft: „So spricht der Herr: Ich kann das Geplärr eurer Lieder nicht mehr hören!“ Und würdet ihr einen Jesaja oder Elia ebenfalls vertraulich zur Seite nehmen und ihm ins Ohr raunen: „Deine Kritik ist ja schön und gut, aber du kommst immer so negativ rüber. Sag doch auch hin und wieder einmal etwas Nettes, dann hören die Leute dir ganz anders zu.“
Prophetisches Wort bedarf der Prüfung. Dabei geht es aber nicht darum, den Nettigkeitsfaktor oder die Verdaulichkeit der Aussage zu evaluieren. Wenn es so wäre, dann wäre unsere Bibel sehr, sehr dünn. Nein, es geht um ein geistliches Prüfen, um ein selbstkritisches In-sich-Hineinhören.
Kritik ist Liebe. Sagt die Theologie.
Kritik ohne Wertschätzung wird immer als Angriff empfunden. Sagt die Psychologie.
Beides steht nebeneinander, reibt sich aneinander.
Manche Widersprüche bleiben. Sie lassen sich nicht ohne Weiteres auflösen. Dann hilft nur Aushalten. Und Prüfen. Immer wieder prüfen.

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3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Angela
    Apr 19, 2010 @ 11:55:52

    Es gibt so wenig Alternativen zur Wahrheit!! Es ist unbequem – na und!
    Und ich finde auch: Liebe ohne Wahrheit ist ekelhaft.
    Aber schwer ist es trotzdem. Den guten Ausgleich finden …manchmal gehts einfach nicht, dann ist das eben so.

    Antwort

  2. expetheo
    Apr 19, 2010 @ 12:45:42

    Wie wahr, was Ihr beiden hier schreibt! Und übrigens: Wahrheit ohne Liebe ist auch ekelhaft! 🙂 – Nur: Wie geht das eigentlich, „den guten Ausgleich“ zu finden?
    Es gibt einige in meinem Umfeld, die gehen sowas mit der Götz-Methode an. Nicht mein Weg, will ich doch ein Nachahmer Christi sein! Und wo dessen Liebesfähigkeit geendet hat, haben wir ja erst vor kurzem noch intensiv erinnert… Aber: ist das UNSER Weg?

    Antwort

  3. Jan
    Apr 19, 2010 @ 18:04:28

    Du hast natürlich ohne jeden Zweifel recht mit deiner Aussage – andererseits sind unsere Gemeinden voll mit Menschen, deren geistige Gabe No.1 das Kritisieren anderer ist.
    Umgekehrt wird Liebe daraus: Nicht nur reden, sondern tun.

    Antwort

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