Wir

Es ging mir in den letzten Tagen schwer durch den Kopf, und gestern war’s dann die Krönung:
„Wir“ sind Papst. „Wir“ haben 3:0 gewonnen. Und einen Musikwettbewerb.
Wieso wir? Mit Raabs sympathischer Marionette, von deren Existenz ich bis vor ein paar Wochen gar nichts wusste, habe ich genauso wenig zu schaffen wie mit dem alten Herrn in Rom. Ich habe ja nichts gegen sie. Aber ich bin nicht sie.
Und wieso höre ich keine Sätze wie „Wir haben da ’33-’45 echt Scheiße gebaut“? Nee, das waren ja die Nazis, damit haben wir nix zu tun. Sehr anschauliche Beispiele aus der aktuellen Politik lasse ich mal weg, das gäbe nur wieder Ärger.
Was aber soll nur dieses selektive „wir“?
Wenn Lena dann in ein paar Wochen genüsslich von der Sensationspresse auseinandergenommen werden wird, weil ihr Bruder einmal einen Dackel gequält oder sie früher gegenüber von einem Puff gewohnt hat, dann wird sich wieder einmal zeigen, dass es vom „Wir sind Messias“ zum „Kreuzigt ihn“ nur ein kleiner Schritt ist.
Dann sind wir plötzlich nie „wir“ gewesen. Dann tritt zur Entnazifizierung die Entlenisierung,
Wir sind und bleiben eben Idioten.

ÖKT – ein persönliches Fazit

Für mich wesentlich waren zwei Veranstaltungen.
1. Hans Küng, Jürgen Moltmann: „Ökumenische Spiritualität – heute schon gelebt“.
Sehr beeindruckt hat mich das beinahe intime Gespräch zweier in Würde ergrauter großer Theologen, die mit behäbiger Selbstverständlichkeit Erkenntnissätze absonderten. Beispiele?

Wir müssen Jugendliche mit ihren Begabungen fördern und beteiligen, sonst stirbt Kirche.

Küng

Eine Gemeinde, die ihre Hierarchien abbaut, wird so erst Gemeinde. – Man muss die Kirche von unten her denken, niemals von oben. – Die Gemeinden sind die Kritik der etablierten Kirchen, und ihre Zukunft. – Wir sind nicht Gottesdienstbesucher, sondern Familie. – Jeder Christ ist ein Experte seines Lebens und Glaubens. – Durch Hauskreise wird Betreuungskirche zur Beteiligungskirchen.

Moltmann

Es hat mach nachdenklich gemacht, dass diese ‚alten Herren‘ als Resümmee ihres jahrzehntelangen theologischen Wirkens eine große Ungeduld zeigen, endlich die Sache selbst in die Hand zu nehmen, anstatt auf Aktion von oben zu warten. Alles, was sie sagten, atmete den Geist von Up to You. Hatte ich da zwei weiteren progressiven Flaggschiffen gelauscht? Damit hätte ich in diesem Maße nicht gerechnet.

2. Günther Lohr: „Workshop Stille und Achtsamkeit“
90 Minuten meditieren im kleinen Kreis. Mir war es sogar eher zu kurz. Allerdings wurde auf Gebetshockern meditiert, und als ich zwischendurch im Rahmen der Übung aufstand, strauchelte ich und konnte mich nicht auf den Beinen halten. Ein Nachbar musste mich beinahe fünf Minuten stützen. Die Beine waren mir komplett eingeschlafen und gehorchten dem Kopf nicht. Neben der Scham, die ich empfand, als wegen mir 30 Personen aus der inneren Ruhe gerissen wurden, fragte sich mein innerer Supervisor: „Was bedeutet das?“ Darüber grüble ich immer noch.
Zum Abschluss ‚tönten‘ wir ein Schalom. Das lässt sich schwer beschreiben. Es war einen Art Zungengesang, wunderschön – das Hören wie das Mitmachen und Dabeisein. In meinem Leben hatte ich so etwas vorher erst einmal erlebt, als Abschluss eines intensiven ‚Psychowochenendes‘. Hier aber wurde es ganz selbstverständlich und beinahe beiläufig intoniert, ohne Auswertungsgespräch und Adressenaustauschen. Es war einfach da, blieb, ging.
Ich war so baff, dass ich danach zwei Veranstaltungen hintereinander schwänzte, um grübelnd und nachsinnend durch die Hallen zu streifen. Und bin immer noch sehr gespannt darauf, welche Transformationen mir diese Erfahrung bescheren wird.

Fazit: Kopf und Herz haben beide ihre Dosis abbekommen. Es summt in mir.