Es geht auch einmal ohne Worte…

Wie Politiker ihre Abende verbringen

Es war nicht geplant. Es passierte einfach. Es kam eben so.

Mit leicht summendem Kopf saß ich gestern Abend in der repräsentativsten Halle unseres Ortes, fein aufgebrezelt, weil ja auch Presse da war, nickte Bürgermeister und anderen Würdenträgern lässig zu und stellte meine Aktentasche mit dynamischem Schwung neben den mikrofonbewehrten Sitzplatz, der für den Fraktionsvorsitzenden der neu ins Gemeindeparlament gewählten Partei nun einmal vorgesehen war. Ich saß noch kaum, da stürmten Damen und Herren der anderen Parteien auf mich zu, stellten sich vor, fragten mich aus, plauderten auf mich ein. Ein freundlicher Herr aus der Partei, mit der wir im Vorfeld eine gewisse Zusammenarbeit in diversen Punkten verabredet hatten, forderte lächelnd meine Unterschriften auf diversen Kooperationsvereinbarungen, Anträgen und Listen. „Dies bitte achtmal unterschreiben, dies fünfmal, dies dreimal.“ Der Kopf summte etwas lauter. Was ich hier unterschrieb, stellte die Weichen für fünf Jahre politische Arbeit. Was hier heute Abend abgestimmt und ausgehandelt wurde, ebenfalls.

Eigenlich hatte ich gedacht, ich sei gut vorbereitet auf das, was jetzt käme. Jahrzehntelange Erfahrung in Gremien. Viele Konferenzen. Eine Bundesdelegiertenkonferenz. Aber es war doch alles ganz anders. Denn so ein Parlament muss man einmal als Teilnehmer erlebt haben. Es hat doch auch etwas von einer Arena: Die eine Sorte Mensch (hier im Wesentlichen in Form der Presse) sieht zu, wie die andere sich genussvoll bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegenseitig demontiert. Dies auf eine durchaus charmante und respektvolle Weise – meistens jedenfalls. Aber die Absicht bleibt klar: Man will selbst strahlen, indem man Andere entzaubert und der Lächerlichkeit Preis gibt.

Ich selbst hielt mich bei der ersten Sitzung sehr zurück. Zusehen, beobachten, lernen. Im Gegensatz zu den anderen Kollegen Fraktionsvorsitzenden nutzte ich nicht einen beliebigen Tagesordnungspunkt, um ans Pult zu schreiten und mich der Masse in salbungsvollen Worten vorzustellen und zu präsentieren. Keine bissigen Nachfragen, keine in Wunden gelegten Finger, kein höhnlisches Gelächter. Nur dabei sein und staunen.

Erst einmal.